Jan 18 2014

Mit den Ohren sehen

Wer mal eine echte Wahrnehmungsveränderung erleben möchte, sollte ins Kino gehen: In "Imagine" bringt ein blinder Lehrer seinen ebenfalls blinden Kindern Orientierung per Echo-Ortung bei. Da das Sounddesign und die Hifi-Anlagen in den Kinos heutzutage super sind, kann man das alles als Zuschauer prima nachvollziehen: Man lernt, mit den Ohren zu sehen. Das klappt zum Ende des Films hin so gut, dass das riesige Schiff, vor dem die Blinden stehen, vollkommen wahrnehmbar ist (auch wenn man es nicht zu sehen bekommt, selbst wenn man sehen kann). Inneres Auge auf also, dann hast Du's. Das will auch der Titel des Films sagen: Was Du nicht sehen kannst, musst Du imaginativ ergänzen – erst dann ist die Szene komplett.

Die NASA hat sich jetzt was nettes für blinde Leser einfallen lassen. Weil das Hubble-Teleskop so schöne Bilder vom Tarantel-Nebel macht, produzierte das Space Telescope Science Institute (STScI) ein eBook mit interaktiven Fotos, das demnächst im iBook-Store erscheinen wird. Fotos für Blinde: Wenn man mit dem Finger über die Sterne streicht, werden sie hörbar. Je heller der Stern, desto höher der Ton. Kältere Sterne hört man auf dem rechten Ohr, wärmere auf dem linken. Interaktivität einmal akustisch realisiert. Darüber hinaus gibts noch naheliegende features wie Braille-Layer und Screenreader.

Hubble Probes Interior of Tarantula Nebula
Source: Hubblesite.org (Credits: NASA, ESA and E. Sabbi (STScI))

Mein eBook für Blinde sähe natürlich anders aus. Ein virtueller Raum, in dem weniges nur klar zu erkennen ist (die meisten "Blinden" sind ja nicht völlig blind, sondern sehen nur stark eingeschränkt). Geräusche zeigen an, wo es was zu entdecken gibt. Durch den Raum wird mit den Bewegungen des eReaders navigiert, also mit dem Gyroskop. Und Geschichten und Abenteuer sind dort leicht zu erleben, wie wir aus "Imagine" wissen. Man könnte sich zum Beispiel ein Glas Wasser einschenken ...