Nov 2 2014

Literatur im Vortex

Edgar Allan Poe's Erzählung "Hinab in den Maelström" ist eine klassische Parabel auf die Fähigkeit des Menschen, Situationen zu erfassen, zu analysieren und mit Hilfe der Ratio auch zu meistern – selbst (oder gerade) wenn es um Leben und Tod geht. In der Erzählung berichtet ein weisshaariger Mann, wie er mit seinem Boot in einen gigantischen Strudel gerät und von diesem allmählich nach unten gezogen wird.

Illustration zu "Hinab in den Maeström" von Harry Clarke, 1919Als eBook könnte die kurze Geschichte den Leser, der sich die tödliche Gewalt des Wasserwirbels imaginieren muss, mit einer technischen Raffinesse bei der Einfühlung unterstützen: In den modernen Tablets sind – neben anderen Sensoren – auch Gyroskope eingebaut, Kreiselmesser, die feststellen, wie das Tablet gerade gehalten wird. Man kann eBook und Sensor verknüpfen, so dass der Leser beispielsweise nicht mehr durch Wischen blättert, sondern indem er das Tablet kurz 'nicken' lässt. Für eine digitale Maelström-Edition könnte man die Seiten ganz abschaffen, so dass der Text quasi durch Scrollen gelesen werden kann – man muss das Tablet kurz von sich weg neigen, um weiterlesen zu können. An der Stelle, in der der Mann sich mit seinem Boot in den Strudel hinabneigt, muss das Tablet die Kippbewegung des Bootes imitieren (sonst kann nicht weitergelesen werden). Und um dann weiterzuscrollen, muss das Tablet schräg gehalten werden – es muss auf der Seite liegen wie das Boot im Strudel. Später muss man vielleicht das Buch schaukeln lassen, um die heftigen Stöße nachzuempfinden, die das Boot abbekommt...

Ein eBook also, das vom Leser Bewegung fordert. Und eine Parabel auf die Literatur im digitalen Zeitalter. Auch wenn es nicht um Leben und Tod des Buches geht.