Sep 1 2012

Leserbindung einmal anders

Es war wohl so eine Art Epochenschwelle, als Amazon im Juni 2012 verkündete, "Shades of Grey" für den Kindle sei über eine Million mal bezahlt und heruntergeladen worden. Die eBook-Ökonomen sind da wohl erst mal mächtig stolz drauf, tolle Sache, eine eins mit sechs Nullen. Den naheliegendsten Grund sieht man erst auf den zweiten Blick: "Shades of Grey" ist zwar ein sehr schön vieldeutiger Titel, changierend mit den Farben und Übergängen, mit Licht und Schatten, und wie man gleich auf den ersten Seiten feststellt, mit dem Namen des männlichen Protagonisten. Aber wie verräterisch wäre der Titel wohl auf einem Cover? Besser das Ding ein bisschen verstecken, ist ja ein Softporno, dem man sich mit geheimer Wollust hingibt. Wer setzt sich schon mit einem Titel wie "Männer sind anders. Autos auch" auf eine Parkbank? Eben. Ab in den eBook-Reader damit.

Grund zwei ist dann erst die Geschichte der Studentin Anastasia Steele, die bei ihrem ersten Rendez-vous mit Christian Steele diesem buchstäblich vor die Füße fällt, gewissermaßen in voreiliger Unterwerfung. Und sofort gehts los mit so einem Ökonomen-Blabla, das Wort "Kontrolle" kommt ungefähr zwei mal auf jeder Seite vor. BDSM nennen das die Experten, Bondage, Dominance, Submission und andere schöne Wörter lassen sich aus dem Akronym ableiten. Ins Bild gesetzt werden Kontrolle und Unterwerfung dann auch mit Christian Steeles silberner Krawatte. Glaubt man den Lästereien einiger US-Medien, dann handelt es sich hierbei um "Mommy Porn", erotische Phantasien für Frauen über 35.

Oh nein! Das muss nicht sein! Eröffnen wir doch den echten eBook-Lesern eine SM-Erfahrung der besonderen Art: Kostenlos zum download des eBooks wird ein Halsband geliefert, das der Leser während der Lektüre anlegt und mit seinem eReader verbindet. Bei bestimmten Szenen knistert es dann richtig.

Wie das in der Praxis aussieht, haben ein paar durchgeknallte Franzosen schon mit einem Computerspiel getestet. Wie viel Spaß könnte man mit einem eBook haben!