Sep 24 2010

Lesen und Handeln

Wer liest, handelt nicht. Wer handelt, liest nicht. Warum? Der Handelnde ist fühllos, der Lesende passiv.

Wer ein literarisches Werk liest, stellt seinen Körper still und öffnet sich – in unterschiedlichen Intensitätsgraden – den dargebotenen Inhalten. Flüssige Sätze durchströmen ihn wie ein gefühlter Bachlauf, die Worte rempeln ihn an im Dahinfliessen des grossen Demonstrationszuges einer Erzählung. Er lässt zu, dass seine Imagination besetzt wird von etwas, auf das er wenig Einfluss nimmt. Empathie entfaltet sich in der Sensibilität für das Erzählte und im analytischen Denken, das nichts anderes ist als ein Denken mit der Sensibilität. Dem Handelnden dagegen mangelt es an dieser Sensibilität, er drückt dem Geschehen seinen Stempel auf und legt keine Rechenschaft ab über ein Fremdes, das sich ihm in den Weg stellt. Er schreitet über es hinweg, häufig ohne Bewusstsein der eigenen Disempathie.

Für die Zukunft des Buches bedeutet das ein Gebot zur Vorsicht bei der Gestaltung interaktiver Elemente. Ein Buch ist nicht einfach ein Computerspiel, in dem beständig gewechselt wird zwischen Lesen und Handeln. So spielerisch und intuitiv der Zugang zur imaginierten Welt auch gestaltet sein mag – immer wieder zu Aktivität aufgefordert zu werden behindert die eigene Imaginationsfähigkeit und beschneidet die Sensibilität. Daher wird es auch weiterhin einen Bereich geben müssen, der vom Literarischen des Textes vollständig dominiert wird, und der sich nicht von der Realität des Lesers abhängig macht. Texte eröffnen ihre eigene Realität nur dem, der es zulässt, und der nicht beansprucht, mitwirken zu wollen. Dann hört er die Sonne über sich jauchzen, sieht die Frühlingszweige sich ehrfurchtsvoll zur Seite neigen und wird jener Liebende auf dem Weg zu seiner Geliebten, dahinschreitend über den weichen roten Teppich des Bürgersteigs. Und er überlässt sich der Fürsorge und Klugheit des Textes, die ihn aus dem Exil der geistigen Stagnation herausführt, er bewundert die Syntax, die ihn mit ihren Rhythmen liebkost, und er bemerkt das Spiel der fiktionalen Muskeln in ihrer Anstrengung, das Leben der Literatur wirklich werden zu lassen.

Hier ein gutes Gleichgewicht zwischen Handeln und Lesen zu finden und dem Literarischen seinen Raum zu gewähren, wird eine Aufgabe zukünftig zu gestaltender Bücher sein.