Apr 6 2013

Le lecteur épuisé

Sage keiner, er sei noch nie über einem Buch eingeschlafen. Manchmal kostet es so viel Kraft, sich in den Kontext eines Buches wieder einzufinden, dass man schon nach wenigen Absätzen einschläft. Bücher von intellektuellen Geistesriesen werden so zur zuverlässigen Einschlafhilfe; vielen Studenten hat das schon zu einer willkommenen Erholung vom Alltag verholfen.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, dass ein Buch direkt Erschöpfung kommuniziert. Yoram Kaniuks Erinnerungsbuch "1948" ist so eines. Kaniuk erzählt vom israelischen Unabhängigkeitskrieg, in dem er als Siebzehnjähriger mitkämpfte. Von "diesem verfluchten Krieg" berichtet er in ungewöhnlichen Worten: "Wir waren zehn müde Krieger vor dem Haus des Dorfältesten, umringt von Olivenbäumen, und die Massen stürmten von allen Seiten an, preschten zu Hunderten herauf, und wir schossen auf sie und schafften es irgendwie, zwischen den Schüssen nicht einzuschlafen". Was für eine seltsame Formulierung, 'es zu schaffen, im Krieg nicht einzuschlafen.' Und wie grausam. Der Krieg ist nicht zum Aushalten. "Und ich war auf einmal müde, schlief im Gehen ein und konnte nicht mehr reden." Kaniuk ist völlig erschöpft. Das ist absolut nachvollziehbar. Wie soll man als Leser Sätze wie den folgenden auch ertragen? "Wie erklärt man einem Jungen an Bord der 'Van York', der als Zwölfjähriger in Auschwitz Brillanten in den Aftern seiner toten Eltern gesucht hat, um sie an SS-Leute zu verkaufen, wie erklärt man dem, was in Kastel passiert ist?" Wer so einen Satz liest, versteht die Erschöpfung sofort (und stellt sich hernach die Frage nach dem Weiterlesen). Das zwölfte Kapitel kriegt seine Leser dann bei den Eiern. Danach braucht er auf jeden Fall eine Pause; oder er schläft sofort ein, vor Erschöpfung.

Der Krieg hat Löcher in Yoram Kaniuk gebohrt, die nicht mehr weichen. Ein Kamerad spricht es aus: "Stimmt, es hat schwere Momente gegeben, aber wir waren löchrig wie ein Schweizer Käse, und weißt du, wie Schweizer Käse gemacht wird? Man nimmt Löcher und umhüllt sie mit Käse. Wer waren wir denn schon? Wir waren lebende Tote, waren Löcher von Sesamkringeln und Löcher von Käse, also was denn?"

Dabei wird das Buch nicht streng chronologisch erzählt; es ist vielmehr ein Sammelsurium von Anekdoten, kurzen Einschüben, Abwegen, fast chaotisch. Auch das ermüdet. Aber es ist auch eine Chance. Man muss das Buch nämlich nicht linear lesen. "1948" ist auch als eBook erhältlich. Leider nicht so eines, wie ich es mir vorstelle, ein eBook 2.0. Meine Vorstellung wäre ein kluges, humanes, fast schon humanitäres eBook, das Rücksicht auf seine Leser nimmt, indem es seine Pausen und Unterbrechungen aufzeichnet und ihm in Reaktion auf seine Lese-Untätigkeit Erholung gönnt. Es könnte auf die Erschöpfung des Lesers reagieren und ihm aus dem Fundus an Episoden ein motivierendes Angebot machen. Nach der Lektüre des 12. Kapitels (und der daran anschließenden Pause) könnte ein solches eBook dem Leser beispielsweise jenes wunderbare Kapitel von einer durchwachten Liebesnacht vorschlagen, frisch und belebend wie ein erster Frühlingsgruß. Und wer das Buch dann ganz liest und auch den Epilog mitnimmt, ist selbst verantwortlich für seinen Schlaf.