Aug 10 2013

Karten von der Lesewelt

Bücher, die sagen, wo sie sind und wo sie gelesen werden: Das eröffnet nicht nur enorme Möglichkeiten für interaktive Erzählungen, sondern man könnte die Ortsdaten der Bücher auch sammeln und auf Karten eintragen. Zusammen mit den Metadaten der Bücher (Autor, Titel, Genre usf.) würden diese Landkarten tiefe Einblicke ermöglichen: Eine literarische Kulturgeographie würde sich entfalten, wie wir sie bisher noch nicht gedacht haben.

Wir wissen beispielsweise, dass es nur ganz wenige Bücher gibt, die übersetzt und  international gelesen werden – sozusagen die Globetrotter der Literatur. Aber wissen wir auch, ob es Genres gibt, die bevorzugt in ländlichen Regionen gelesen werden? Gibt es Bücher, die nur in Großstädten rezipiert werden, zum Beispiel Lyrik? Digitale Werke, die auf Lesegeräten mit Internetanschluss gelesen werden, hätten hier einiges beizutragen (und wer weiss, ob Amazon hier nicht bereits mit seinem PaperWhite fleißig Daten sammelt).

Diese Perspektive ist nicht nur etwas für 'Brave-New-World'-Denker und NSA-Geschädigte, sondern sie könnte uns helfen, ein tieferes Verständnis unserer Kultur zu gewinnen: Gibt es literarische Hegemonie (so etwas wie einen Kulturkolonialismus) und wie sind die Räume dieser Welt aufgeteilt? Gibt es regional begrenzte Genres und orts- oder landesbezogene Diffusionsmuster? Was ist mit den Klassikern, den Longsellern, den kanonischen Ikonen der Weltliteratur – werden sie gelesen und in welchen Zeiträumen verbreiten sie sich wo? Gibt es Textgattungen, die sich besonders leicht verbreiten, weil sie in ganz anderer Weise gebraucht oder benutzt werden, zum Beispiel Sach- oder Kochbücher? Ist komische Literatur auf bestimmte Räume begrenzt, weil der literarische Witz eng an die Sprache gebunden ist und nicht übersetzt werden kann?

Wie würde die Google Maps der Bücher wohl aussehen?