Sep 14 2010

Interpretation und Bedeutung

Wenn das Web die Kulturtechnik des Lesens verändert hat, dann sicherlich durch die Verwendung von Hypertext. Damit wurde die Vorstellung popularisiert, dass einzelne Begriffe in Texten verknüpft sind mit anderen Begriffen oder Texten. Diese Herangehensweise ist mit einem Verfahren der Textinterpretation verwandt, nämlich der Suche nach Schlüsselbegriffen und ihrer Katalogisierung und Hierarchisierung.
Für die webbasierte Interpretation von literarischen Texten liegt dagegen auch ein semantischer Zugang nahe, konzentriert er sich doch auf die Bedeutung von Begriffen und Textteilen. Hier gibt es aber scheinbar noch viel zu tun, denn auch das Semantische Web steckt noch in den Kinderschuhen. Die Idee ist einfach: Begriffe werden auf der Ebene ihrer Bedeutung miteinander verknüpft, aber nicht einfach über Hyperlinks, sondern über Relationen. Diese haben den Vorteil, dass sie typisiert werden können und so auch für Maschinen lesbar werden. Ein wesentliches Problem bei der Interpretation von Texten ist ja, dass die Texte Zusammenhänge herstellen, die aufgrund ihrer Komplexität – z.B. durch Bedeutungsvielfalt und Gleiten der Bedeutung – für Maschinen nicht auswertbar sind. Dieser Umstand generiert viele Arbeitsplätze von Literaturkritikern und Wissenschaftlern.
Wie könnte eine webbasierte Textinterpretations-Software aussehen? Zunächst haben wir einen literarischen Text. Ein Mensch liest ihn durch und stellt fest: die und die Begriffe sind wichtig und stellen zusammengenommen ein Ordnungssystem dar, das dabei hilft, den Text zu erschliessen oder besser zu verstehen. Er kann dann diese Begriffe mit Hilfe von Relationen miteinander verknüpfen und typisieren, d.h. den links Kategorien zuweisen. Dann weiss man – aha – dieser Begriff ist ein Synonym oder ein Gegenteil von diesem und jenem Begriff, er gehört über seine Konnotationen und Denotationen zu dieser oder jener Ontologie, er ist zentral oder weniger zentral für die erzählten Textwelten (Hierarchie), und – falls der Text das hergibt – er gehört zu dieser Taxonomie von Oppositionspaaren, die den Text strukturiert. Bestenfalls ergibt sich also eine grafische Anordnung der Begriffe oder eine andere Repräsentation der zugrunde liegenden Begriffe und deren Zusammenhänge.
Will das jemand haben? Ausser ein paar Wissenschaftlern vermutlich eher keiner. Interessant wird es eher, wenn eine solche Software mit einer Social-Web-Anwendung verknüpft wird. Dann würden die Leser nämlich die oben genannten Zusammenhänge herstellen und aufzeichnen, so wie es jeder einigermassen routinierte Leser mit dem Bleistift in einem Buch tut (oder er merkt sich die Textstellen schlichtweg). Diese benutzerspezifischen „Lesespuren“ könnten maschinell ausgewertet werden: Viele Leser fanden diese oder jene Relation hilfreich oder hätten sie genauso hergestellt, oder sie sahen diese oder jene Ontologie als zentral an. (Vorausgesetzt, alle Leser hätten die Kompetenz, diese Software richtig zu bedienen bzw. die Inkompetenz, sie zu manipulieren.) Was sich damit abzeichnen würde, wäre so etwas wie eine dominante gesellschaftliche Lesart. Begleitet von einem entsprechenden Online-Diskussionsforum könnte das die gesellschaftliche Debatte über einzelne Texte unterstützen, nicht aber die Bewertung dieser Texte. Ob man diesen oder jenen Text klug und hilfreich, amüsant oder langweilig, spannend oder dröge findet, das geht aus der semantischen Interpretierbarkeit nicht hervor. Und auch die Tatsache, dass ein hummeldummer Text zum Bestseller wird, lässt sich damit nicht erklären. Denn auch die Wissenschaft weiss noch nicht, ob ein Text dann erfolgreich ist, wenn sein semantisches Ordnungsystem dem seiner Leser besonders nahe ist. Hopp oder topp steht auf einem anderen Blatt.
Mit der Entwicklung des Semantischen Webs wird auch eine entsprechende Textinterpretations-Software kommen. Ob sie populär wird und jenseits von Literaturzirkeln zum Einsatz kommt, hängt ganz davon ab, in welchem Maß sie mit kommerziell erfolgreichen Titeln verknüpft werden kann, müssen diese doch online publiziert werden. Und davon sind wir noch weit entfernt.