Sep 21 2013

Es ist eigentlich eine Aufgabe für einen Gymnasiasten: Fasse einen Text auf eine Länge von 1.000, 500 oder 140 Worten zusammen. 'Warum soll eigentlich ich das machen,' wird sich ein britischer Teenager gedacht haben, 'wenn auch eine Maschine das genauso gut erledigen kann?' Also programmierter er fröhlich eine App, die Artikel und Nachrichtentexte im Web zusammenfasst und stellte sie in Apples App-Store. Das war 2011. Zuerst hieß die App Trimit, die weiterentwickelte Version nannte sich dann Summly. Vor einigen Monaten hat Yahoo dann Summly gekauft, für schlappe 30 Millionen Dollar. Der britische Schüler durfte sich freuen: Jüngster Self-Made-Millionnaire der Geschichte.

Das ist eine der phänomenalsten Erfolgsstorys, die die IT-Welt zu bieten hat. Möglich ist sie geworden, weil auch Google und Apple massives Interesse an Textzusammenfassungssoftware hat. Google kaufte wenig später Wavii, eine andere Nachrichtenkürzungs-App. Nur Apple steht bislang mit leeren Händen da. Wo die Dinosaurier trampeln, leidet nicht immer nur das Gras; manchmal fallen auch große Fladen ab.

Mein Ich und der TextDass Maschinen Texte zusammenfassen können, ist eigentlich ein Phänomen. Sicher, es mag vergleichsweise simpel sein, Sachtexte (Nachrichten, Berichte, Zeitungsartikel) zusammenzufassen. Ein literarisches Werk kann man nicht einfach zusammenfassen, man muss es nacherzählen. Trotzdem ist die Aufgabe, die Summly übernimmt, nicht trivial: Ist Auswahl und Zusammenfassung nicht auch Interpretation? Oder sieht die Zusammenfassung etwa immer gleich aus? Wenn man es so herum sieht: Lässt man Summly mehrfach dieselben Texte zusammenfassen – kommen dann auch immer dieselben Ergebnisse heraus?

Und noch einmal anders gefragt: Macht diese merkwürdige App (die ja nichts anderes tut als Texte durch den Fleischwolf zu drehen) nicht deutlich, dass jedes Lesen eine Selektion und Komplexitätsreduktion darstellt? Erinnert sie daher nicht daran, dass Lesen und die Interpretation von Texten immer eine deformative Operation ist? Der Mensch ist das interpretierende Tier. Es macht ihm unheimlichen Spaß, in allen möglichen chaotischen Informationshaufen Muster zu erkennen. Leser literarischer Werke wissen genau: Wenn man mit anderen Lesern anfängt, über einen Text zu diskutieren, treffen automatisch unterschiedliche Lesarten aufeinander. Die Bedeutungen, die man aus einem Text herausliest, stellen immer nur eine Reduktion aus der enormen Menge von Bedeutungen dar, die dieses Werk aufbietet. Und meistens sagt die Interpretation, die der Leser darbietet, viel über ihn selbst, über sein Ich auf.

Wo Ich und Text in der Interpretation interagieren, kann eigentlich von der Einheit und Unantastbarkeit des Kunstwerks keine Rede mehr sein. Eine Funktion im eReader könnte das verdeutlichen: Diejenigen Textstellen, anhand derer sich das Buch zusammenfassen lässt, können markiert werden. Nach der Lektüre drückt der Leser auf einen Button, und der ganze literarische Text wird auf wenige Absätze eingedampft. Würde man die Ergebnisse verschiedener Leser desselben Textes miteinander vergleichen, wäre es überdeutlich: Interpretation ist Deformation.