Okt 29 2011

Hidden messages

Routinierte Leser kennen das Phänomen: Für die ersten fünfzig Seiten eines Romans benötigt man wesentlich länger als für die letzten fünfzig. Warum eigentlich? Jeder Leser, der sich in die imaginäre Welt eines literarischen Werkes versenkt, arbeitet intensiv: Er erstellt die imaginäre Welt in seinem Kopf, und diese Leistung entschleunigt das Lesetempo.

Wie wäre es, eBooks zu erstellen, bei denen jedes Umblättern einer Seite ein Abbild dieser imaginären Welt nach und nach, ganz allmählich zutage fördert? Hinter den Buchstaben könnten langsam Konturen sichtbar werden, die gegen Ende des Buches deutlich erkennbar sind.

Ein paar Beispiele: Leser von Daniel Kehlmanns Ruhm könnten eine grafische Darstellung des Beziehungsgeflechts angezeigt bekommen, das sich während der Lektüre durch die Bezüge zwischen den Figuren ergibt. Die Leser von Italo Calvinos Le città invisibili erhalten eine Karte all jener Städte, die von Marco Polo dem aufmerksamen Zuhörer Kublai Khan geschildert werden und mehr einem imaginären Universum angehören denn dem realen chinesisch-mongolischen Reich. Oder man erhält, von Kapitel zu Kapitel je unterschiedlich, Bilder aus der Geschichte Indiens, die in Salman Rushdies Mitternachtskindern erzählt wird.

Würde das den Begriff Illustration nicht neu definieren und der Beziehung zwischen Bild und Text neue Möglichkeiten einhauchen?