Aug 5 2014

Helden unserer Zeit

Nachdem die WM 2006 im eigenen Land so entkrampfend auf uns Deutsche gewirkt hat, können wir also nun ganz entspannt die Füße hochlegen. Und unsere Helden feiern. Was gibt es Schöneres, als jenen Torhüter in den eigenen Reihen zu wissen, der die meisten Ballkontakte außerhalb des Strafraums hatte, oder jenen kleinen Wusler, der das ganze Turnier über nichts rechtes zustande brachte, aber dann im entscheidenden Spiel das Siegtor erzielte?

Das Heldenproblem, das wir nach zwei verlorenen Weltkriegen und einem Holocaust hatten, wird sich damit wohl erledigt haben. Was nun? Läßt sich das noch toppen? Als Fußballer vielleicht: Wie Zinedine Zidane durch einen Kopfstoß im Finale (um die Beleidigung der Schwester zu sühnen). Oder, wie Marko Marin, durch die Teilnahme an europäischen Finalspielen in zwei aufeinanderfolgenden Jahren (mit Chelsea und Sevilla): In beiden Finals mit dabei, jedoch nicht an der Entscheidung beteiligt, weil auf der Auswechselbank platziert. Das hat jedesmal Mythospotential: Melancholie und übermenschliche Tragik werden in eins gefaßt.

Vor fast hundert Jahren hatte es Joseph Conrad noch leicht: Sein Held in "The Shadow Line" lenkt ein Schiff in die Windstille der Biskaya und setzt sich durch Geduld, Beharrlichkeit und Weisheit durch – er bringt das Schiff sicher in den Zielhafen, und Conrad eine Parabel über Mannwerdung und Heldentum zu Papier (hier auf Englisch für eBook-Leser).

Helden der Winde: Auf ins 21. Jahrhundert

Aber wir? Welche Helden erschaffen wir im 21. Jahrhundert? Mir fällt da nur die Tat eines Giganten der Globalisierung ein: Francesco Schettino, der es geschafft hat, ein 300 Meter langes Schiff im Wert von 450 Millionen Euro ins Verderben zu steuern. Dabei wollte Schettino doch nur seinem Kollegen Mario Terenzio Palombo den traditionellen "inchino" – die "Verneigung" – darbieten. Mit einer Verbeugung einen solchen Giganten in die Grütze zu reiten, das hat was. Das ist stark, das ist unschlagbar. Laßt uns einen Knicks vor Capitano Schettino machen.

Mehr tragische Größe ist uns nicht möglich; und mehr kann die Literatur nicht leisten, als diese Helden unserer Zeit ins Wort zu setzen. Welcher Joseph Conrad unter uns findet sich, um dieses Heldentum zu feiern?