Jan 12 2013

Heiße Luft

Was haben sich die Medien (vor allem die digitalen) letzte Woche vor Aufregung überschlagen: Fünf Jahre lang gab es einen komplett erfundenen Artikel zum "Bicholim-Konflikt" auf der Wikipedia. Erst jetzt wurde er gelöscht. Unerhört. Sensation. Ist ja eigentlich klar, da ja bei der Wikipedia jeder mitschreiben kann. Kein Wunder. So musste es ja kommen.

Ja richtig, so musste es kommen. Nur hat eben diese Logik keiner vorhergesehen. Wenn man nämlich Wissen nicht mehr als Macht begreift, sondern die Wissenserstellung demokratisiert, dann folgt daraus zuerst eine Verflüssigung des Wissens. Damit hat Wikipedia keine Probleme – stets aktuell und up to date, das stellt keine Hürde dar, die Einträge gleiten mit der Drift des Wissens mit. Als nächstes wird die Grenze zwischen relevant und irrelevant aufgeweicht: Man kann in der Wikipedia eigentlich über alles schreiben. Das ist ein Problem des Platzes und eigentlich auch keines, denn Webspace kann man mit Geld kaufen. Schliesslich gibt es ein Gleiten vom faktenorientierten Wissen zu den 'weicheren' Formen der Wissenschaftlichkeit. Hier kommt der Bicholim-Konflikt ins Spiel. Auch er müsste eigentlich kein Problem darstellen – wer hat eigentlich einen Schaden davon?

Viel erstaunlicher ist doch, dass die Wikipedia damit eine klassische Bewegung vollzieht, wie wir sie von den hierarchischen Wissensformen her kennen: Wo viel Wissensmacht ist, dort wird sie auch subvertiert und persifliert. Im berühmten Klinischen Wörterbuch von Willibald Psychrembel findet sich ab der 256. Auflage von 1990 ein Artikel zur "Steinlaus". Ein Scherz, Schabernack, Schwindel. Da in den Pschyrembel nur Autoritäten dürfen, musste auch ein berühmter Humorist diesen Artikel verfassen. Es war Loriot.

Wo viel Gelehrtheit, da ist eben auch viel Gelehrtensatire. Arnold M. Zwicky, Peter H. Salus, Robert I. Binnick (Hg.); Studies out in Left Field. Defamatory Essays. Presented to James D. MacCawley on the Occasion of His 33rd or 34th Birthday (= Current inquiry into Language and Lingustics 4), Edmonton 1971 ist eine Parodie auf die Methoden der modernen Linguistik; die angegebene Reihe enthält ansonsten seriöse sprachwissenschaftliche Veröffentlichungen. Der Artikel von Clark M. Zlotchew, "Tlön Llhuraos, N. Daly, J.L. Borges", in: Modern Fiction Studies 19 (1973), S.458f. berichtet aus dem Gebiet der Archäologie und Völkerkunde, genauer, über eine von Norman Daly organisierte Ausstellung über die fiktive Kultur der Llhuros.

Und: Weiss eigentlich jemand, was ein Roter Hering ist? Das ist eine falsche Fährte, eine Nebelkerze, wie sie oft von Literaten benutzt wird. Wer es nicht wusste, kann es ja hier nachschauen.

Zwangsläufig also musste die Wikipedia irgendwann auch zu ihrer eigenen Parodie werden. Von der Wissenschaft zur Fiktion mutieren. Willkommen im Klub! Leseratten und Freunde fingierter Wissenschaftlichkeit lesen jetzt nicht mehr nur A Tale of a Tub von Swift, Pale Fire von Nabokov oder Marbot. Eine Biographie von Wolfgang Hildesheimer, nein, Literaturliebhaber lesen jetzt auch Wikipedia – und genießen die heiße Luft, schwimmend im kühlen Faktenmeer.