Feb 25 2012

Eulalie

Als Stéphane Mallarmé vor 115 Jahren Un coup de dés jamais n'abolira le hasard schrieb, hatte er eine Art Wortpartitur im Sinn. Für seine Zeitgenossen stellte die Beobachtung, dass man eine erstaunliche musikalische Poesie wahrnehmen kann, obwohl (oder gerade wenn) die Sprache keinen Sinn hat, eine Herausforderung dar.


Worte als Ausgangsmaterial für neue Poesie haben beispielsweise John Cage, James Joyce oder Kurt Schwitters benutzt und dabei gerne auf Sinn verzichtet. Alle drei waren gut eingeführte Künstler, alte Avantgardisten, die ihre hochartifiziellen Produkte in kleinen Marktnischen unterbringen konnten, jeder andere hätte es wahrscheinlich schwer gehabt, so etwas abzusetzen.

Man kann sich einer solchen klanglichen Sprache auch anders annähern; es lässt sich beispielsweise, wenn man aufmerksam hinschaut, ein überschaubares Set von Klangfiguren definieren. Ein Wortschwall als kompakte fluide Menge etwa, ein Stimmenwirrwarr, der sich bis zur Kakophonie steigert, oder Sang und Gegengesang wie bei einem Duett oder dem Wechselspiel Solist-Chor. Sicherlich können diese Figuren nicht beliebig miteinander kombiniert werden; daraus ergeben sich fast zwangsläufig Algorhythmen der Anordnung.

Und dann könnte man eine digitale und interaktive Umsetzung vornehmen. Hat der Nutzer eine Sprache ausgewählt, kann er Worte eingeben, die von der Maschine zu charakteristischen Phrasen ergänzt werden. Dann kann der Nutzer die gewünschten Klangfiguren auswählen ...

... und schon wabern Mallarmé'sche Klangteppiche über den Schirm. Vorsingen sollte man sie sich dann selber. Wer darauf keine Lust hat, kann sich ja eine Aufnahme von Schwitters' Ursonate besorgen.