Apr 20 2013

Ein Hoch auf das Papier

Es gibt nichts, was den Mythos von der Originalität und die überzogene Wertschätzung für die Person des Künstlers stärker entlarvt als eine Fälschung. Der Fälscher steht dabei vor einem kaum aufzulösenden Dilemma: Je besser seine Fälschung, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Fälschung nicht als solche erkannt wird. Dann wird sie zum Original, und die Person des Fälschers verschwindet vollständig hinter der des Künstlers, dem das Werk zugeschrieben wird. Wird die Fälschung hingegen aufgedeckt, dann kann zwar die Kunstfertigkeit und das imitative Vermögen des Fälschers wahrgenommen und wertgeschätzt werden, das gefälschte Werk aber verliert jenes höhere Ansehen, das das Original gegenüber der Imitation und Kopie genießt. Gefälscht aber wird ja gerade, um sich das symbolische Kapital eines Künstlers anzueignen, es zu entwenden und in ökonomisches Kapital zu konvertieren – sprich, in klingende Münze zu verwandeln.

Konrad Kujaus Fälschung eines Briefs von Hitler aus dem Ersten Weltkrieg, in dem dieser von der Verleihung des Eisernen Kreuzes I. Klasse berichtet

Einer der genialsten Fälscher des 20. Jahrhunderts war Konrad Kujau. Von der Malerei und der Zeichnung her kommend, entdeckte er für sich den Markt der Militaria und die obskure Gier nach Hitler-Devotionalien als Einnahmequelle. Er fälschte zunächst den Kunstmaler Hitler, lernte, dessen Handschrift perfekt zu imitieren und taumelte, fiel, stürzte später in die Fälschung der Hitler-Tagebücher. Das war einer Verlagsgruppe 9,7 Millionen DM wert, von denen immerhin mehrere Millionen bei Kujau hängen blieben. Die Aufdeckung des Betrugs machte Kujau berühmt, und er ist wohl einer der wenigen Fälscher der Geschichte, bei dem nicht nur die Fälschungen selbst einen enormen Marktwert haben, sondern dessen eigene Bilder selbst gefälscht werden. Ein "echter Kujau" besitzt den daher den Charme, dass Original und Fälschung nicht mehr voneinander voneinander zu trennen sind.

Bemerkenswert an den gefälschten Hitler-Tagebücher ist die Tatsache, dass es nicht den eigentlich Fachkundigen (den Historikern), sondern dem Bundeskriminalamt gelang, die Fälschungen als solche zu entlarven. Aufgrund von Materialproben konnte der entsprechende Nachweis geführt werden: Erst die physikalisch-chemische Analyse der Papiere und Schreibstoffe ergab 1983 den Beweis der Fälschung. Ein Hoch auf das Papier. Originalität bleibt an das Material gebunden.

Sicher, ein gedrucktes oder getipptes Werk eignet nicht im selben Maß die Aura des "Authentischen", "Originalen" wie ein handbeschriebenes Blatt oder Tagebuch. Dennoch profitiert das physische Buch noch stark vom Schöpfer-Mythos und dem Glauben an die "Originalität", besonders dann, wenn es durch Alterung individuell (singulär) und selten (einzigartig) geworden ist. All das haftet dem Digitalen nicht an. Fälschungen zeigen daher, dass das unendlich und verlustfrei reproduzierbare digitale Buch ein Vorschlaghammer ist, mit dem der Mythos vom Künstler und Schöpfer zerstört werden wird.