Jan 26 2013

Eau des Lettres

Es gibt ja diese Wahnsinnigen, die den Geruch von Druckerschwärze zu lieben vorgeben. Daher in eine Buchhandlung robben, dort ein Buch aufschlagen, mit dem Zeigefinger in der Mitte des Buches fest drückend von oben nach unten fahren – wenn das ein Mann macht, meint er natürlich, ein ungeheuer erotisches Erlebnis zu erzeugen – und dann: Augen zu und SCHNÜFF. Der Duft von Weltläufigkeit, intellektueller Freiheit, haute bourgeoisie. Toll.

Hier der Flakon eines berühmten eau sauvageAlso bei mir ist das ziemlich anders. Was Wunder. Wenn ich Druckerschwärze riechen möchte, kaufe ich mir eine frische Tageszeitung, schlage sie in der U-Bahn sitzend auf, indem ich meinen beiden Nachbarn die Fäuste ins Gesicht drücke, schnüffele, und dann – uuuch – bricht dieser tranige, miefige Geruch über mich herein. Kurz bevor mich die Ausdünstungen und sonstigen Äußerungen meiner Mitfahrer erreichen.

Weiß der Teufel, was andere an einem Druckerschwärzeparfüm finden können. "Paper Passion" wird so etwas beispielsweise genannt, aber ich meine, Nostalgie kann das nicht sein. Diese Lösemittel müffeln einfach zu sehr. Daher nun folgendes Gegenangebot: Das Buch der Zukunft riecht nicht. Nullen und Einsen non olet. Wer so etwas aber unbedingt möchte, erhält seinen Lieblingstext auf Wunsch auch gedruckt als book on demand dazu und kann sich dabei aussuchen, wonach das Buch riechen soll. Liebesromane könnten eine süßliche Kopfnote erhalten. Heimatromane duften kräftig und würzig. Poesie leicht und lieblich. So individualisiert könnte das gute alte gedruckte Buch wieder ein Kultobjekt werden, ein neuer Tempel sozusagen. Frisch gepresst wird es dem olfaktorisch besessenen Leser dann am 3. des 3. Monats zugeschickt, und es wird riechen: Nach einem eau des lettres.