Aug 25 2010

Die Welt als "ICH"

"See my profile on Facebook" lautet der Spruch, und – Simsalabim – öffnet sich eine Welt, in der sich die Nutzer profilieren, vielmehr definieren über das, was sie dort einstellen. Das Profil eines ICH wird erstellt über das, was die Nutzer für wichtig halten, und niemand weiss so recht, ob das, was sich dort findet, so ganz real ist, den „Tatsachen“ entspricht, oder ob die Selbstdarstellung nicht mehr eine Fiktion ist. Anders als in der „Realität“ ist dieses ICH vollständig gestaltet, zusammengefügt aus Worten, Bildern, Videos, links, und was das Medium Internet mit seinen virtuellen, elektronischen Optionen sonst noch so bietet. Das sollte man ausbeuten, denn die eigentliche Domäne der Literatur ist die Fiktion, und nirgendwo wird deutlicher, wie anders die Welt aussehen könnte, wenn das Profil ein anderes wäre, nirgendwo wird deutlicher, wieviele andere Möglichkeiten es gibt, wie das Profil zustandekam, und nirgendwo wird deutlicher, welche Macht einige Worte haben können, die die Selbstsicht eines Protagonisten vollständig verändern.

Konsequent wäre es daher, wenn man "Facebook" um "Fictionbook" erweitern würde. Schliesslich weiss jeder, dass das eigene ICH auch aus Leben besteht, die in den gängigen Formen der Selbstpräsentation üblicherweise nicht berücksichtigt werden, oder auch aus zahllosen ungelebten, bloß fiktiven Leben, die dort einen Platz finden könnten. Jenseits der beruflichen Entwicklung also ein ICH als Familienmensch, als Autor, Musiker, Abenteurer. Eine Biographie aus medizinischer Perspektive, eine, die das ICH als Rechtssubjekt fasst, eine intellektuelle Biographie und eine als politischer Mensch und Staatsbürger und so fort. Zweifellos ein attraktives Angebot, vor allem für jene, die an einer vorteilhaften Selbstdarstellung interessiert sind. Darüber hinaus käme man hier aber auch leicht weg von den konventionellen Fortschrittserzählungen und Schilderungen der derzeit erlangten Perfektion, hin zu einer Selbstdarstellung, die nüchterner und bescheidener ausfallen könnte oder die Wege erzählt, die man nicht gegangen ist, weil man sich an einer Gabelung anders entschieden hat. Man könnte seine Biographie als die eines Buchhalters anlegen, der Bilanz zieht und dessen Saldo immer gegen sich spricht. Diese Bescheidenheit eröffnet einen Reichtum – als biografischer Autor das Medium von Gestalten zu sein, die man selbst erschaffen hat, und die doch "ICH" sind. Noch ein Argument dafür: Welches Genre wird von jedem Internetnutzer besser beherrscht als das der Erzählung über sich selbst? Und wenn man die Rückkopplungen bedenkt: Bestimmt würde man das reale Leben in Rücksicht auf die virtuelle Inszenierung im Netz führen, damit dort mehr geboten werden kann als nur die Worte, die bislang ein literarisches ICH konstituierten ...