Jul 15 2010

Die kleine Form

Das morgendliche Vogelgezwitscher erfrischt. Der fröhliche Subjektivismus, vorgetragen von einer Vielzahl bunter Kehlen, wäscht die bleierne Schwere tiefer Träume und schlechter Gedanken davon. In der ersten Klarheit des Tages, umwölkt von Kaffeeduft, bleibt er haften, der tweet of the day – mein persönlicher Begleiter für einen Tag, nur für mich gemacht, klug, präzise, stilsicher.
Twitter setzt auf Informationen, Nachrichten und Meinungen. Sollte es nicht möglich sein, ein literarisches Pendant zu Twitter zu schaffen, in dem die entsprechenden Kurzformen einen virtuellen space finden? Es ist doch gerade die kleine Form, die von vielen beherrscht wird und die sich für ein literarisches GeTwitter anbietet. Micro-Literature statt Micro-Blogging.
Wo Twitter die Nutzer auf eine Zeichenzahl von 140 Anschlägen beschränkt, könnte man beispielsweise einen Haiku-Service mit maximal 17 Silben einrichten. Also morgens aufstehen, einen Tee eingießen, ein Haiku verfassen und twittern. „Ein Haus steht am See. / Vom Dach steigt der Rauch – Fehlte er / Wie trostlos wären – Dach, Haus und See.“ Die Haikus könnte man über tag clouds thematisch organisieren, poetische Wolken, nach Naturbildern, Jahreszeiten oder verhandelten Inhalten zusammengefasst. Die followers verorten sich über ihren Geschmack und bilden Netzwerke und Fangemeinden. Unser täglich Wort gib uns heute.
 
Die Möglichkeit, in Twitter nicht nur einzelnen Personen, sondern auch Ereignissen zu folgen und so in Echtzeit ein Universum von Perspektiven zu entfalten, fasziniert. Das Phänomen des Perspektivismus kennt man auch aus der Philosophie: Einen Gegenstand umkreisen und von vielen Seiten betrachten, ohne abschliessende Beurteilungen und allgemeingültige Festlegungen vorzunehmen. Zur literarischen Meisterschaft in der entsprechenden Kurzform, dem Aphorismus, hat es hier Nietzsche gebracht, aber auch Schopenhauer, Lichtenberg und viele andere. Ebenso wie sich der Aphorismus einer perspektivischen Philosophie als geeignetes Vehikel anbot, ebenso könnte sich ein Aphorismen-Twitter als subjektive und polyphonische Vielstimmigkeit entfalten. Zwitschert der eine: „Nichts ist älter als die Zeitung von gestern“, antwortet der andere: „Es gibt nichts halbwahreres als Aphorismen“ ...
Ein Aphorismen-Twitter müsste den Autoren freilich etwas mehr Raum als nur einen Satz gewähren. Sie sollten mehrere Sätze lang sein dürfen, aber kurz genug bleiben, um sich von ihrem großen Bruder, dem Essay, absetzen zu können. Diese kurzen Texte hätten den Vorteil der readibility, des passageren Konsums. Wer will schon einen Achttausender der Literatur auf seinem Handy besteigen; statt dessen die knappe und elegante Sprache und die pointierte Stilistik einiger weniger Absätze geboten zu bekommen – ça va bien.
Ein solcher Aphorismen-Service wäre sinnvollerweise themen- und nicht personenorientiert aufzusetzen; die Verortung im sozialen Raum erfolgt dann über Sympathie oder Antipathi zu den eingenommenen Positionen wie von selbst. Und auch die häufig ironische, selbstreferenzielle Stilistik hätte einen ihr angemessenen Ort gefunden – wo sonst sollte sich die paradoxale Wucht aphoristischer Echoräume sonst entfalten dürfen, wenn nicht in digitalen Nachhall-Schleifen?
 
Ein drittes Beispiel: Zahlreiche Benimmbücher und Ratgeber strategisch kluger Lebensführung werden als literarisch stilsichere, weisheitslaminierte Selbstdarstellung der Autoren präsentiert. Von Sun Tsu über Gracian, von Yamamoto bis zu Knigge wurde Eloquenz als sprachliches Pendant gesellschaftlich sicheren Auftretens verstanden, der smalltalk zur Kunstform gewendet. Strategisch ausgerichtetes Vorgehen wurde hier stets mit image management kombiniert, der sprachliche Wechsel der Innen- und Außenperspektive als Einübung in die je andere Sicht einer gesellschaftlich entfernten Position verstanden. Ein Twitter-Dienst, der auf Benimm- und Weisheitslehren ausgerichtet ist, wäre an kleineren sozialen Gruppen orientiert, etwa an Managern oder Bankern, jedenfalls an einzelnen Personen und ihren followers. Die Gurus (oder Propheten) könnten ihre Mitteilungen in Form von Orakelsprüchen absondern, als Denksportaufgaben, die den Lesern Rätsel-Nüsse zum Knacken aufgeben. „Nie spielt der Spieler die Karte aus, die der Gegner erwartet“, heisst es bei Gracian, „noch weniger die, welche er wünscht“. Worüber werde ich wohl im nächsten blogpost schreiben?