Jul 21 2010

Die große Form

Fast jedes Kind kennt die Geschichte von Swimmy, dem kleinen Fisch, der sich mit vielen anderen kleinen Fischen zusammentut. Gemeinsam können sie einen großen Fisch bilden und anderen Fischen Furcht einflössen. So sind sie geschützt und können gemeinsam Spass haben. Bezeichnenderweise nimmt Swimmy in diesem Schwarm die Rolle des Auges ein. Einerseits kann er so wachsam beobachten und 'nach innen' kommunizieren, andererseits – und 'von außen' betrachtet – haucht er dem aus einem Schwarm gebildeten Fisch Leben ein. (Wie ich soeben merke, lässt sich diese Geschichte – wie jede gute Literatur – nicht paraphrasieren oder beschreiben; sie zwingt einen daher zum Nachdenken, hurra.)

Als ich früher in diesem Blog die Möglichkeit kollaborativer Autorschaft ausschloss, tat ich dies vor dem Hintergrund der Beobachtung, dass unsere Literaten ihre Autonomie mit Zähnen und Klauen verteidigen. Schliesslich ist die Literatur (und die Kunst) einer der wenigen Bereiche unserer arbeitsteiligen Welt, in denen ein Individuum ein Werk noch allein erschaffen und weitgehend kontrollieren kann, jedenfalls im Sinne von Kontrolle bis zur Abgabe des Textes. Die Idee von Autorschaft und Individualität sind durch den Geniekult eng miteinander verknüpft worden. Daher scheint es kaum denkbar, dass ein Schriftsteller seinen Namen teilweise aufgibt und sich bzw. sein Werk als Teil eines größeren Ganzen versteht. Diejenigen, die das tun, verzichten meist ganz auf ihren Namen und nennen sich John Sinclair. Warum publizieren solche Autoren eigentlich nicht unter dem Namen James Joyce?

Vielleicht eröffnen moderne Zeiten ja die Möglichkeit, dass sich einige wenige Autoren zusammentun. Sie sprechen sich untereinander ab, und jeder für sich schreibt ein in sich abgeschlossenes Buch, wobei diese Bücher sich zu einem übergeordneten Ganzen von epischer Breite zusammenfügen. Die Form müsste so groß und so offen sein, dass jeder der Autoren darin genügend Raum bekommt, um seine individuelle Meisterschaft zu entfalten und die Absprachen nicht als Fesseln zu empfinden. Beispielsweise könnte man die Geschichte eines großen gesellschaftlichen Konfliktes schreiben und jeder der Autoren übernimmt es, die Geschichte aus der Sicht einer gesellschaftlichen Gruppe (der Politik, der Polizei, einer Bürgerinitiative, einer Wirtschaftsvereinigung, der Unterwelt usf.) zu schreiben. Selbstverständlich müsste es für das übergeordnete Epos eine gemeinsame timeline und Figuren geben, die in zwei oder mehreren der jeweiligen Bücher auftauchen. Die Ausgestaltung eines jeden dieser Bücher in Formenbau, Stil, Ästhetik usf. könnte den jeweiligen Autoren selbst überlassen bleiben. Perspektivismus als Notwendigkeit, Komplexität und monumentale Größe als Chance.

Eine Zukunft des Schreibens? Vielleicht. Die Zukunft des Lesens? Auch schwierig. Wie in jedem Epos wird anhand der großen Form deutlich, dass sich jedes Werk aus vielen einzelnen Geschichten oder Erzählsträngen zusammensetzt, die für sich genommen rezipiert werden können. Die Unübersichtlichkeit wird dadurch gemildert, dass man sich als Leser zunächst für eine der Gruppen entscheiden muss, aus deren Perspektive erzählt wird. Also wählt man einen Teil des ganzen in der Größe eines Romans. Das entsprechende Buch könnte man beispielsweise als digitales eBook über ein Abonnement kapitelweise aufs Handy geschickt bekommen. Als Chance verstanden, könnte ein solches Lesen extrem kommunikativ sein, wenn man sich z.B. mit Arbeitskollegen austauscht, die parallel dasselbe Epos lesen, aber aus einer anderen Perspektive heraus geschrieben. Dieselbe story, derselbe Konflikt, aber ein völlig anderer Blick auf die Ereignisse. Ehrgeizige Leser können zwei, drei oder mehr der Romane lesen - und sich so einer 'Totalität' annähern. Welche Chancen für Empathie, Debatte, Anerkennung! Das Risiko aber besteht darin, dass die Leser frustriert werden, weil sie nicht mehr wissen, wo sie sich in der Gesamterzählung befinden, oder weil sie die Ausdauer verlieren. Das spricht entweder für das Erstellen kurzer, orientierender Zusammenfassungen oder für einen Seriencharakter (man kann sich als Leser jederzeit ein- und ausklinken) mit den entsprechenden Auflagen für die Autoren.

Zweifellos aber eine neue Bühne für den Konflikt zwischen Autonomie und Kollektiv, wie er schon der Geschichte von Swimmy zugrunde liegt. Wie Swimmy könnte der Leser wachsames Auge nach außen und innen und Schaltstelle in einer aktuellen gesellschaftlichen Debatte sein. Eine Position, in die ich mich als möglicher Leser gerne hineinwünsche.