Jun 4 2014

Die Augen der Anderen

Jeder kennt das: Eigentlich hat man seine Augen auf etwas gerichtet, und doch sieht man im Augenwinkel etwas; vor allem dann, wenn es sich bewegt. Und sei diese Bewegung auch nur ein Augenzwinkern...

Vor 150 Jahren hat Émile Zola ein Buch geschrieben, in dem zwei Augen eine zentrale Rolle spielen. Thérèse Raquin erzählt die Geschichte einer Frau, die als Stiefkind von Madame Raquin aufgenommen wird und später deren leiblichen Sohn heiratet, obwohl sie ihn nicht liebt. Nachdem sie einen anderen Mann kennengelernt hat, bringen die beiden den Ehemann um und heiraten selbst nach Ablauf der Trauerzeit. Da beide von Schuldgefühlen geplagt werden, ist die zweite Ehe nicht glücklich. Madame Raquin erleidet einen Schlaganfall, wird vollständig gelähmt und beobachtet fortan die beiden Eheleute, die ihren Sohn umgebracht haben ...

Ein eBook mit Zolas Roman könnte mit einem einzigen feature ausgestattet sein: Ab der Textstelle, an der der Mord erzählt wird, nimmt der Leser in seinen Augenwinkeln ein Paar Augen wahr. Wenn er versucht, direkt in diese zu schauen, sind sie nicht mehr da. Vermutlich gibt es keinen Effekt, der die Einfühlung in die Hauptfigur noch mehr verstärken würden als die unablässig beobachtenden Augen der Madame Raquin.

Die Augen der Madame Raquin