Dez 29 2014

Der obsessive Sammler

In seinem kurzen Text "Das Vermächtnis des Maximilian Tod" beschreibt Bruce Chatwin – neben anderem – Mr. Tods Bibliothek als eine Sammlung von Texten, die eine besondere Bedeutung für ihren Besitzer haben. Dazu gehören, in dieser Reihenfolge, Johannes Cassianus' Abhandlung über die Trägheit, das frühe irische Gedicht The Hermit's Hut, Hsien Yin Lungs poetischer Essay über das Leben in den Bergen (der uns Uneingeweihten nur auf Englisch, als Essay on Living in the Mountains verfügbar ist), ein Faksimile von De Arte Venandi Cum Avibus von Kaiser Friedrich II., Abu'l Fazls Bericht über Akbars Taubenfliegen (auch dieser nur in englischer Übersetzung), John Tyndalls Anmerkungen zur Farbe von Wasser und Eis, Hugo von Hofmannsthals später Text Die Ironie der Dinge, Landors Landhaus von Edgar Allan Poe, Wolfgang Hammerlis Kains Wanderschaft, Baudelaires Prosagedicht mit dem englischen Titel Any where out in this World!, sowie Louis Agassiz' Etude sur les glaciers in der Ausgabe von 1840.

Die tatsächlich ziemlich skurrile Zusammenstellung verrät uns zum einen, dass derart exklusive Sammlungen im digitalen Zeitalter für jeden verfügbar sind. Und auch, dass es einen Text gibt, der mehr über Chatwin verrät als über den fiktiven Maximilian Tod. Denn: Wolfgang Hammerlis Kains Wanderschaft, der einzig nicht im Internet nachweisbare Text (und Autor), ist sicher eine Erfindung von Bruce Chatwin, oder eher die Idee von Kain, dem Begründer der ersten Stadt, die Chatwin in die obskure Liste hineingeschmuggelt hat.

Ein Ausschnitt aus der 'balneologischen Abteilung' des Voynich-ManuskriptsIch selbst würde diese Bibliothek ja noch durch das Voynich-Manuskript, Robert Musils kurzen Essay Über die Dummheit, sowie Mao Tse Tungs Schrift Über den langwierigen Krieg ergänzen, aber das nur nebenbei. Was sagt uns das alles? Dass Exklusivität und Exzentrizität durch das Internet relativiert wird, dass Erlesenheit durch Ubiquität übertrumpft wird? Dass das Weltwissen derart breit zugänglich gemacht wird, dass ein arkanes Wissen kaum mehr möglich scheint? Dass wir selbst einem raffinierten Erzähler auf die Schliche kommen, der nurmehr durch eine eklektische Zusammenstellung von Texten brillieren kann?

Oh nein. Wer sammelt, glaubt an die Authentizität des Originaldrucks; und daran, dass diese Originale über einen Mehrwert verfügen und daher nur ihm etwas mitteilen, was dem durchschnittlichen Internetleser unzugänglich bleibt. Der Sammler folgt der Logik des Besitzes. Ganz grundsätzlich suspekt muss ihm der Verzicht auf alle Habe erscheinen, oder die Idee der Allmende, wie sie das Internet bietet.

Wie lässt sich diese Idee profilieren? Vielleicht so: Nur die individuelle Lesespur durch eine Vielzahl von Texten (wie denen der oben zusammengestellt Bibliothek) führt zu einem einzigartigen Zusammenstoß von Gedanken im Kopf des Lesers. Aus dem Aufeinandertreffen der Ideen und Beobachtungen entstehen dann wieder neue Einsichten, Theorien und Visionen. Aus solchen Bibliotheken einen Gewinn zu ziehen, das bleibt dem einzelnen Leser vorbehalten; er muss die Texte dafür nicht benutzen. Aber er muss sie lesen. Dies alles könnte man den Borges-Effekt der Weltliteratur nennen. Hier aber steht lesen gegen besitzen, verzehren gegen sammeln. Erst die Zukunft wird zeigen, welches Modell sich durchsetzen wird.