Dez 29 2013

Der erste Tweet

Frankreich, letztes Drittel des 19. Jahrhunderts. Die Rotationspresse ist erfunden, die Zahl der Zeitungen explodiert nach dem Ende der Zensur, der Preis pro verkauftem Exemplar fällt auf 5 Centimes, der Telegraph wird erfunden und versorgt die Redaktionen mit einer Fülle von Informationen. Nun wird der Platz knapp: Die Zeitungen bestehen meist aus vier Seiten auf zwei Blatt. Also: Raus mit den eloquenten Kommentaren und den Berichten aus der monde und demi-monde, rein mit den Informationen, kurz gehalten. Die faits divers, die vermischten Meldungen entstehen.

Als auch hier die Masse an Information die zur Verfügung stehende Anzahl von Zeichen übersteigt, wird die Reduktion von Information zur Kunstform. Keinem gelang das besser als dem Kritiker und Journalisten Félix Fénéon, der zwischen Mai und November 1906 in der Zeitung "Matin" die Rubrik "Nouvelles en trois lignes" betreute. Vermischte Meldungen, in drei Zeilen komprimiert – das dürften wohl die ersten Tweets gewesen sein. Kurze, geschliffene Sätze, bei denen die Leser wesentliche Informationen ergänzen mussten und oft nicht zwischen Fakt und Fiktion unterscheiden konnten. "Nachdem er sein Messer sechs mal in den Hals, den Kopf und den rechten Arm der Baronin Apolline Selias gepflanzt hatte, floh ihr Ex-Liebhaber." Beziehungsdrama? Eifersucht? Parodie? Warum "gepflanzt"? 

Nicht schlecht, und das mehr als hundert Jahre vor den Tiny Tales von Florian Meimberg. Mehr braucht Microfiction nicht. Hat jemand schon eine Seite angelegt, um all die Tweets zu sammeln, die als vermischte Meldungen verkleidet daherkommen?