Apr 27 2011

Der entleibte Text

Wer sich mit der Zukunft von Büchern beschäftigt, kommt um eine Geschichte des Lesens nicht herum. Die Auseinandersetzung mit der über Jahrhunderte eingeübten Kompetenz zur kontemplativen Versenkung in einen Text verdeutlicht dabei vor allem eines: Auf das physische Buch lässt sich leicht verzichten. Es macht kaum einen Unterschied, auf welchem materiellen Träger ein Text daherkommt; man kann ihn daher getrost 'entleiben'. Unverzichtbar dagegen sind Qualitäten und Fähigkeiten, die mit den Texten selbst verknüpft sind. Die Stimulation der Imagination, die dialogische Struktur der Texte, das Spiel der Fiktionen, das Eröffnen von Empathie, die Sensibilisierung des Lesers, der Vollzug von Perspektivenwechseln usf. – alle diese Eigenschaften des Austauschs zwischen Text und Leser sind in sehr langen Lesetraditionen eingeübt worden, und kein vernünftiger Mensch wird sie aufgeben wollen.

Von daher lässt sich auch von der Zukunft des Lesens sprechen: Das elektronische Buch wird am feinen Gewebe der Texte anknüpfen und jene Möglichkeiten forthäkeln, die die Texte mit den Lesern verknüpft. Allen voran wird dies auf jenen Ebenen erfolgen, auf denen die Texte sich auf den Leser hin ausrichten. Literarische Texte erwarten eine imaginäre Komplettierung durch den Leser, sei es durch die Herstellung sinnhafter Bezüge und Querverbindungen innerhalb des Textes oder zum eigenen Verstehen und der eigenen Imagination hin, sei es in der sinnlich-emotionalen Erlebnisfähigkeit oder durch das textbasierte Visualisierungspotential.

Wo derart auf die Verstärkung sinnlicher Eindringkraft von Texten gesetzt wird, ist nicht zu erwarten, dass elektronische Texte eigene Genres ausbilden oder gar Konventionen entwickeln werden. Nichts deutet bislang darauf hin, dass auf der selbstreflexiven Ebene der Texte sich rasch entfaltende Erfindungen entstehen werden. Da sich das Lesen selbst nur sehr langsam verändert, sind hier schnelle Entwicklungen nicht zu erwarten. Sicher, es gibt Genres, die den Konsumtionsmustern unserer Zeit entgegenkommen. Auf eine spontane mobile Lesesituation ausgerichtete Texte und nichtlineare, fragmentierte Erzählschemata werden schneller ihren Weg in die digitale Welt finden als umfangreichere und komplexere Erzählmuster. Dennoch: Der Schwerpunkt der Entfaltung digitalen Lesens wird in der Intensivierung der Darstellungsmittel liegen. Wenn diese an die Strukturen der Texte angeknüpft werden und mit Angeboten konform gehen, die die Texte selbst eröffnen, wird sich sicher schnell eine neue Kultur des Lesens entfalten.