Nov 23 2013

Der Despot als Künstler

Da war er diese Woche also zu Gast bei Jay Leno, dem US-Talkmaster. George W. Bush, der vormalige amerikanische Präsident, sprach darüber, was er gerade treibt. Er malt. Im Ernst. George W. sitzt also in der Badewanne, betrachtet seine Füße, und beschließt, diese zu malen. Ausserdem malt er Porträts (oder will noch welche malen) von Staatsmännern. Wie süß. George W. hat die kalte Aura der Macht hinter sich gelassen und widmet sich nun der schöngeistigen Kunst. Ausgerechnet er, der den Irak-Krieg angezettelt hat, tauscht das Donnern der Kanonen gegen die Stille der Malerei. Grundlegender Wandel? Kretinismus?

Nichts von alledem. In unserer Kultur geht die Auffassung von Staatsmacht mit Kunstferne einher, der Schönheitssinn entfaltet sich scheinbar weitab von den Zentren der Macht (als ob die ökonomische Potenz der bestverdienenden Popstars nicht auch als Macht zu denken wäre). Wenn man sich aber einmal in der Geschichte umschaut, stellt man schnell fest, dass das falsche Verknüpfungen sind. Adolf Hitler, der sich als Kunstmaler und verkanntes Genie sah, ist das beste Beispiel dafür. Aber nicht allein. Saddam Hussein, der Mann, den George W. zu Fall und an den Strang brachte, schrieb Romane. Von ihm ist 2004 "Zabiba und der König" erschienen, eine Liebesgeschichte, die auch auf Deutsch publiziert wurde und bei Amazon erhältlich ist.. Ausserdem schrieb er Titel wie "Männer und eine Stadt" oder "Die uneinnehmbare Festung". Darüber hinaus ließ er sich ein Jahr lang jede Woche Blut abzapfen, um damit ein Exemplar des Korans schreiben zu lassen.

Andere Beispiele gefällig? Benito Mussolini, Stalin und Mao schrieben Gedichte. Radovan Karadzic ebenfalls, sie sind hier in einer englischen Übersetzung zu lesen. Sein Pseudonym begleitete ihn bis zu seiner Festnahme: "Dragan Dabic". Joseph Goebbels schrieb "Michael. Ein deutsches Schicksal in Tagebuchblättern" (1929). Muammar al-Gaddafi schrieb nicht nur das "Grüne Buch" (1975), sondern auch den Sammelband "Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde und der Selbstmord des Astronauten", ebenfalls bei Amazon zu haben.

Auf einen Nenner lässt sich der Output der Despoten nicht bringen. Archaische Männlichkeitsmythen finden sich neben dem Ideal eines voraussetzungslosen Genies, das sich selbst erschafft. Selbstbespiegelung also, und ein Hinweis darauf, dass schwache Bürger offensichtlich starke Worte brauchen. Oder die Literatur dient als Instrument, um Anschluss an eine Elite zu erhalten (aus der künstlerischen sollte eine politische werden). Der Fall von Saddam aber liegt anders: Hier herrscht ein tragischer, resignativer Grundton vor, der an Selbstmitleid grenzt. Ein Tyrann, der hunderttausende Menschenleben auf dem Gewissen hat, lässt Nähe zu – als Kompensation für die Kälte, mit der er herrschte. Zugleich aber bleiben Freund und Feind weiter fein säuberlich getrennt. Wer den Artikel über Bushs Auftritt bei Leno liest, weiss: So ist es auch bei ihm.