Aug 4 2010

Das Material der Poesie

 

Einstmals,

als die Dichter einen Schritt

zurücktraten und augenreibend das

Material entdeckten, mit dem sie arbeiteten,

also die Buchstaben, Worte, Sätze, da haben sie

gleich angefangen, diese neu zusammenzusetzen.

Das Wort als Baustein, die Sprache als Baumaterial,

die Sätze als Bauelemente. Coole Sache, seither können

Symbolismus, Lettrismus, konkrete Poesie und wer auch

immer kombinieren, selektieren, anaphorische Muster oder vertikale Textstrukturen schaffen,

geometrische oder organisch-fliessende Gebilde erstellen, die Worte setzen, um zu malen, oder

Sätze neu zusammenfügen, damit das Zentrum im Zentrum sichtbar wird und Poesie, Literatur,

Lyrik einen sakralen Charakter erhalten. Zentrum im Zentrum meint dabei nur ein typographisches

In-den-Hintergrund-Drängen des Sinns, Zentrum im Zentrum verlangt, dass die Form einen Inhalt

überwiegt, damit die Gestaltungsmacht der Buchstaben sich durchsetzt gegen jenen Mechanismus

in der Wahrnehmung der Menschen, der die Worte mit Bedeutung verknüpft. So stellt sich die

Sprache selbst dar und aus und erweitert ihre phonetischen,

visuellen und akustischen Möglichkeiten oder setzt sie ein als

literarische Mittel. Weil es nur wenigen möglich war, Bücher

zu drucken, die derart verschwenderisch mit dem verfügbaren

Platz umgingen, war diese Herangehensweisen immer nur den

literarischen Avantgarden vorbehalten. Erst die Digitalisierung

hat dem Durchschnittsmenschen die Gestaltungsmacht über die

Buchstaben übertragen. Merkwürdigerweise hat sich aber noch

keinerlei Software durchgesetzt, die es jedem einzelnen möglich

macht, die verschiedenen Bauklötzchen aufeinander zu türmen,

indem man sie mit der Tastatur eingibt und dann mit dem Finger

auf dem touchscreen anordnet, um seiner Liebsten eine Textrose,

seinem Hund einen knackigen Textknochen oder dem Papst den

Konstruktionsplan einer Basilika als Textmodell anzuverehren.

Dass sich die verschiedenen Verfahren der Materialanordnung,

die beispielsweise von Lettrismus, Oulipo und so fort entwickelt

wurden, nicht als Algorithmen von Computerlyrik durchgesetzt

haben, verwundert nicht, weil sie ganz ordentlich verschwurbelt

sind. Sicher aber wird eins kommen: Die Mobilität der Poesie,

wie sie von Mallarmé vorgedacht wurde und jetzt mit einem

Flash-Player schick von Anatol und anderen umgesetzt wird.