Jul 23 2014

... hat gerade wieder ein angelsächsisches Blatt ausgerufen. Mir, als ächtem Charakterkopfe, deucht das ein wenig voreilig. Ein solches wurde ja bereits vor hundert Jahren beschworen, auch im Sommer 1914 glaubte man, dass am deutschen Wesen die Welt genesen solle. Mich bekriecht hier eine Ahndung, dass die Huldigung an die Deutschen, so früh zu Beginn des noch im Morgenthau sich wälzenden Jahrhunderts wie ein ehernes Gesetz vorgetragen, der allgemeinen Entwicklung wenig behülflich sein werde.

Die Literatur hat diese Aufwartung natürlich bereits vorhergesehen. Christian Krachts Imperium und Jonas Lüschers Frühling der Barbaren erbrechen beide das Siegel zeitgenössischer Befindlichkeiten und kontrastiren den deutschen Hochmuth mit der Antiquiertheit des Verbalausdrucks, wie er im Deutschen Reiche gepflegt wurde. Kracht stellt die Negativfigur eines Einsiedler-Propheten in der Südsee dem von den Deutschen erwählten Dictator gegenüber und entbietet also mit Hülfe eines vegetarischen Kokovoren dem vegetarischen Anthropophagen einen verschrobenen Gruß. Lüscher dagegen bemüht einen schweizerischen Erzähler, um das Schicksal einer Gruppe von Bankern bis zum thränenreichen Ende des Finanz-Crashs voranzutreiben. All dies wird dem Leser in einer eigenthümlichen Sprache dargeboten, die anmuthig daherkommen, den Sinn bestricken und den Leser erquicken soll.

Die schmucke Sprache kommt dabei gleichsam als Hülle der Zivilisation daher, die den Deutschen stets silberhell umgibt, und die er doch abstreift, um die nackenden Hauer und das rohe Fleisch der Barbarei zu entblößen (um hier eine stumpf gewordene Metapher wieder aufzugreifen). Das alles wirkt ein wenig so, als wie wenn einem albernen Liede ("So gehn' die Gauchos") sein vorsintfluthlicher Ursprung ("Zehn kleine Negerlein") entwunden würde.

Vielleicht ist das sprachliche Geschwulst der beiden Authoren, ihre stutzerhafte Geberde, ja wirklich heilsam gegenüber dem Pathos des ins sommerliche Schlachtenwetter hinausgebrüllten Weltbeherrscherthums. Sollte dem so sein, könnte man mittels einer Apparatur jegliche deutschsprachige Verbaläußerung in das alterthümelnde Reichsdeutsch verwandeln. Ein digitaler Stylisator würde sich anschicken, jegliches ins Internet entäußerte deutsche Wort in sprachlichen Tand zu kleiden. Ich habe das Geräth eben ausprobiert – was haltet Ihr, geschätzter Leser, davon?