Apr 7 2012

Das Ende von etwas

Manche Autoren lieben es kurz, sehr kurz. "An einem heißen Abend in Padua trug man ihn auf das Dach und er konnte weit über die Stadt hinwegblicken. Am Himmel waren Turmschwalben. Nach einer Weile wurde es dunkel, und die Scheinwerfer begannen zu spielen. Die anderen gingen hinunter und nahmen die Flaschen mit. Er und Luz konnnten sie unten auf dem Balkon hören. Luz saß auf seinem Bett. Sie war kühl und frisch in der heißen Nacht."

Andere Autoren dagegen benötigen ein paar Adjektive mehr. "Mr. und Mrs. Dursley im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sie könnten sich in eine merkwürdige und geheimnisvolle Geschichte verstricken, denn mit solchem Unsinn wollten sie nichts zu tun haben. / Mr. Dursley war Direktor einer Firma namens Grunnings, die Bohrmaschinen herstellte. Er war groß und bullig und hatte fast keinen Hals, dafür aber einen sehr großen Schnurrbart. Mrs. Dursley war dünn und blond und besaß doppelt so viel Hals, wie notwendig gewesen wäre, was allerdings sehr nützlich war, denn so konnte sie den Hals über den Gartenzaun recken und zu den Nachbarn hinüberspahen. Die Dursleys hatten einen kleinen Sohn namens Dudley und in ihren Augen gab es nirgendwo einen prächtigeren Jungen."

Ernest Hemingway 1923Man kann sich ja leicht vorstellen, eBooks zu erstellen, in denen der Text bearbeitet werden kann. Es liegt ein Text vor, die/der LeserIn/NutzerIn wird in die Rolle eines Editors versetzt und kann beispielsweise Adjektive hinzufügen oder streichen. Ähnlich wie bei "Malen nach Zahlen" kann man sich so die Arbeitsweise eines Autors aneignen. Das hilft dabei, einen Begriff von "Poesie", vom "Machen" eines Textes zu bekommen. Ganz am Anfang seiner Karriere wurde beispielsweise dem jungen Hemingway geraten, alle Adjektive zu streichen. Bei Joanne Rowling wird es wohl der gegenteilige Rat gewesen sein. Nur: Von einem typischen Rohtext zu einem charakteristischen Hemingway- oder Rowling-Stil zu gelangen, das scheint, nun ja, eben doch nicht so simpel zu sein. Zeugnis davon legt die Webseite "SixWordStories" ab, deren Nutzer der berühmtesten Kurzgeschichte Hemingways nacheifern: "For sale: baby shoes, never used."

Ein solches editierbares eBook hätte zumindest zwei Effekte: Zum einen wird es dem Ruf des Digitalen gerecht, das von einer Aura des Optionalen umgeben ist und das Texte hervorbringt, die als provisorisch, revidierbar wahrgenommen werden, die dem nicht-autorisierten Zugriff offen gegenüberstehen. Und zum anderen müsste die/der LeserIn/NutzerIn den Stier bei den Hörnern packen und sich den Aufgaben stellen, mit der AutorInnen konfrontiert sind. So hat Hemingway beispielsweise das Ende von "A Farewell to Arms" 39 mal geschrieben, bis er zufrieden war. Die Einsicht in die Tatsache, dass so viel Kürze, so viel Präzision das Ergebnis von sehr viel Arbeit ist, würde mit Sicherheit einige Differenzen zwischen Autoren und Lesern klären.