Jul 6 2010

Das Buch schütteln

Wenn man sich anguckt, was der deutsche Kinderbuchmarkt aktuell zu bieten hat, kommt man an Sybille Heins Produkten nicht vorbei, etwa an Prinzessin Knöpfchen:

Hier wird vollständig auf den Flash Player gesetzt (der auf dem iPad nicht läuft), es gibt viele Interaktionen und Spielvarianten, aber eigentlich keine Erzählung, denn die Webseite ist mehr das Spiel zum Buch als ein Kinderbuch selbst.

Seltsam wenig Wert wird hier auf das Lesen selbst gelegt. Die animierten Illustrationen stehen im Vordergrund, die eigentlich story ist nicht mit den interaktiven Angeboten verknüpft. Zweifellos werden wir es mit einer Generation von Kindern zu tun haben, deren visuelle und bildanalytische Fähigkeiten stärker ausgebildet sind als je zuvor. „Lesen“ wird also nur noch eine Medienkompetenz unter vielen sein.

Eine gute Antwort auf diesen Befund wären vielleicht elektronische Kinderbücher, in denen Bild und Text enger miteinander verknüpft sind. Eine Geschichte wie „Hans im Glück“ zum Beispiel, in der die Leser dessen aktuelles Hab und Gut (den Goldklumpen, die Kuh, die Ente) durch die story vorwärtsschubsen und immer wieder tauschen müssen.

Oder man nähert sich mehr dem Text und zieht die Aufmerksamkeit der Kinder stärker auf die Wörter. Man könnte beispielsweise einzelne Wörter animieren. Wenn sich Daumen und Zeigefinger des Kindes auf dem Touchscreen dem Wort nähern, kann es 'ausgequetscht' werden, so dass neue Worte und Bilder aus ihm herausquellen, also Konnotationen und Denotationen sichtbar werden.
Oder man könnte die Kinder beim Entstehungsprozess mitmachen lassen, beispielsweise bei einem Gedicht. Interactive Lyrics, sozusagen. Als Beispiel versuch ich es mal mit folgenden leicht obskuren Zeilen:

Im Schlafzimmer klingelt der Wecker
Der Bruder schlingert da noch im Traum

Wenn man das Lesegerät schüttelt, dann verwandeln sich die Zeilen zum Reim:

Im Zimmerschlaf weckert die Klingel
Im Traum noch da brudert der Schlingel

Hmmm - naja. Geht so. Vielleicht fragen wir mal lieber bei Paul Maar nach für ein Buch mit Schüttelreimen.