Jun 15 2013

Das andere Bewusstsein

Als Saleem Sinai, die Hauptfigur in Salman Rushdies „Mitternachtskinder“, gegen Ende seines Lebens zurückblickt und dabei seine müden Knochen leise knirschen hört, verbindet sich seine Erinnerung mit Wendepunkten in der Geschichte Indiens. Sinai verknüpft damit Momente, an denen er teilhatte, mit solchen, von denen er eigentlich nichts wissen kann: Von seiner Geburtsstunde in der Nacht auf den 15. August 1947, dem Tag der indischen Unabhängigkeit, über seine spielerisch-leichte Teilnahme an der am Eßtisch durchgeführten Planung des Militärputsches in Pakistan bis zur Geburt seines Sohnes in der Stunde der Ausrufung des Notstands durch Indira Gandhi. Rushdies Held lebt aus dem Gedächtnis, seine persönlichen Erinnerungen stehen in aller Klarheit vor ihm, und zugleich hat er teil an einem nationalen Erleben, das er wieder aufrufen kann. (Das ist es auch, was ihn so alt und müde werden lässt, so dass seine Gelenke schmerzen; aber das ist eine andere Geschichte).

Vielleicht steht diese Szene stellvertretend für unser Verhältnis zur erzählenden Literatur. Manch eine Beschreibung ruft in unserem Gedächtnis einen früheren Bewusstseinszustand auf, und der Text scheint etwas wiederzugeben, was wir früher schon einmal erlebt haben oder erlebt zu haben meinen. Oder die Literatur regt unsere Imagination an und führt uns etwas in einer Deutlichkeit vor Augen, als hätten wir es selbst erlebt. Es ist dieser Als-ob-Modus, der uns dazu verführt, zu denken, ja, das hätte mir genauso selbst widerfahren können; und auch wenn ich es nicht selbst erlebt habe, so ist es doch Teil meines potentiellen Selbsts.

So verbinden sich das eigene Gedächtnis, die Imagination und die erzählende Literatur als Wahrnehmungsstellvertreter des Lesers. Ein erfahrener Leser mag auf sein Leben und die vielen Bücher, die er in sich aufgenommen hat, zurückblicken wie in je unterschiedliche Teile seiner großen Lebensszene. Literatur wird ihm dann als eine andere Form des Bewusstseins erscheinen, eines, das nicht auf Selbsterlebtem beruht, aber trotzdem genauso Teil seiner selbst ist.

Das ist vermutlich auch der Grund, warum das Buch nie aussterben wird; ganz gleich, ob digital oder analog, auf eine solche Vielfalt wird keiner verzichten wollen.