Feb 11 2012

Als Wolfgang Hildesheimer 1981 – wenige Jahre nach seiner triumphal aufgenommenen Mozartbiographie – eine weitere Biographie veröffentlichte, löste er heftige Irritationen aus. "Marbot. Eine Biographie" erstaunte und verwirrte die Fachwelt anfangs, weil hier das Leben eines bis dahin unbekannt gebliebenen Goethe-Zeitgenossen und Kunsttheoretikers geschildert wurde. Dementsprechend eröffnete sich ein "Fundus bedeutender Einsichten in die Welt der geistigen Romantik", wie sich der Germanist Peter Wapnewski im Spiegel formulierte. Es stellte sich aber heraus, dass die Sache noch komplizierter war – Andrew Marbot existierte nämlich gar nicht, die Biographie aus der Feder von Hildesheimer ist eine Fiktion. Was die Leser und Wissenschaftler der achtziger Jahre jetzt daran faszinierte und irritierte, war die Perfektion, mit der Hildesheimer den wissenschaftlichen Beweisapparat imitiert hatte. Fußnoten, unveröffentliches Archivmaterial, Bibliographie, Register, das ganze drumherum.

Heute sähe das natürlich ganz anders aus. Es könnte etwa so beginnen: "Der Journalist und Schriftsteller Charles Sutter schrieb seine Erlebnisse als Gardemobilist im Krieg von 1870/71 und während der Pariser Commune unter dem Titel Geschichte eines Dreißigpfennigs auf."

Ja, heutzutage verlinkt man eben, das soll als Nachweis genügen. Und jeder, der sich im Netz gut auskennt, weiss auch, wie man diese Nachweise schön manipulieren oder komplett selbst herstellen kann – besonders auf solchen crowdsorcing-Seiten wie der Wikipedia. Ein post-postmoderner Autor und Hildesheimer- Fan würde also die gesamte fiktionale Welt seines Buches im Netz erstehen lassen, er würde auf hunderten von Seiten Nachweise hinterlegen und sein ganzes Werk zu einem mächtigen selbstreferenziellen Spielchen werden lassen. Also, lieber Leser, glauben Sie das, was oben über Charles Sutter steht – bloß weil hier vier Verweise in einem Satz untergebracht wurden?

Oh weh! Nichts ist in unseren digitalen Zeiten instabiler geworden als Wissen ...