Jul 23 2011

Vier fünfzig Jahren machte Raymond Queneau vor, wie man hunderttausend Milliarden Gedichte schreibt. Er schrieb schlicht zehn Sonette nach dem gleichen Reimschema und im gleichen Versmaß.
Sonette haben vierzehn Zeilen, und Queneaus Sonette reimen sich alle nach dem Schema abab abab ccd eed. Da die Versendungen aus allen zehn Gedichten übereinstimmen, lassen sich jede beliebige Zeile aus einem Sonett mit den anderen Zeilen aus den anderen Gedichten kombinieren. Im Ergebnis erhält man 10hoch14 oder Hunderttausend Milliarden Möglichkeiten. Gallimard hat das Gedicht 1961 auf starkem Papier geduckt und die zehn Seiten mit den Sonetten in Streifen geschnitten, damit jeder Leser sich seine Gedichte selbst zusammenstellen kann.

Queneau sonnets

Natürlich haben später einige Computerspezialisten das ganze digital nachgebaut, grafisch oft völlig unansprechend, und es gibt wohl auch ein paar Übersetzungen. Aber keiner hat sich die Mühe gemacht, etwas vergleichbares, eigenständiges zu entwerfen, zu schreiben und zu programmieren. Hunderttausend Milliarden Liebesgedichte zum Beispiel, Hunderttausend Milliarden Oden an den Sonnenuntergang oder Hunderttausend Milliarden Büttenreden.
Solche kombinatorischen Meisterwerke als App, und jeder Nutzer käme dem Status "literarischer Autor" ein wenig näher.