Jun 14 2010

Autorschaft

Grosse Literatur hat einen Namen. Jedes Werk der Weltliteratur ist mit einer Person verknüpft: Homer, Cervantes Saavedra, Shakespeare, Musil, Garcia Marquez usf. Jeder dieser Texte versucht sich daran, ein bestimmtes Verständnis von Selbst und Welt zu entwerfen, und sie sind alle mit zumindest einer vagen Vorstellung davon begonnen worden, worum es gehen soll, was verhandelt werden soll (obwohl wir nicht wirklich wissen können, was genau die Intention bei Beginn der Niederschrift war; aber das interessiert im Nachhinein auch wenig).
Nun hat das Web 2.0 eine neue Rolle geschaffen - der Nutzer als Autor - und damit Bewegung gebracht in das Gefüge von Autor / Mittler / Leser. Wie aber kann man sich Literaturproduktion unter Web 2.0-Bedingungen vorstellen? Wie würden die Anteile an der Produktion verteilt sein?
Wenn man ein eingeführtes Autorbild nimmt: Ein Ich als Autor würde den Teufel tun und sich die Butter vom Brot nehmen zu lassen, sprich, irgendjemand bei dem Masterplan dessen mitmischen zu lassen, was Ich zu realisieren vorhabe. Und dieses Ich würde auf seine Rolle als Hegemon klopfen und sie mit Zähnen und Klauen verteidigen. Hier darf Ich sein, hier bleibe Ich Gott.Kollaboratives, selbstorganisiertes und gleichberechtigtes Schreiben? Haben wir als Individuen jedes genügend Kompetenzen, um uns in die Schwarmintelligenz einzuordnen, dort am Masterplot mitzustricken und ein gemeinsames Textprodukt zu erstellen? Muss man sich einen solchen Herstellungsprozess dann nicht eher so vorstellen wie ein gigantisch wuchernder Pilz, ein formloser Schwamm, eine Text-Hydra, unförmig aus tausend Kanälen strömend, mit tausend Anfängen und Enden, strukturlos?
Sollten wir nicht bei der phänomenalen Kompetenz der Netznutzer beginnen, sich zu orientieren, Verknüpfungen herzustellen, sich im Labyrinth zu orientieren, einen Ariadnefaden zu legen, Spuren zu hinterlassen und sich der Weisheit der Vielen anzuvertrauen, um Muster zu finden?