Sep 7 2014

Analoge Geheimnisse

Die Urlaubszeit verpasst einem schon deswegen einen regressiven Schub, weil man unweigerlich vor einem jener Souvenirläden mit Postkartendrehständern stehen bleibt und feststellt, indem man sich den DIN-A-5-Kartons zuwendet, dass sie mit der Aura der Authentizität und einem besonderen „Ich war da“ winken. Schnell geschrieben und schnell versandt, stellen diese Relikte einer fernen, handschriftlichen Zeit für den Leser der Karte scheinbar erst den ultimativen Beweis dar, dass da einer wirklich so weit weg war und dann wieder glücklich und um viele Fremdheitserfahrungen reicher wieder zurück kam.

Diese Aura des Analogen, die einen kurzen Einblick in das Seelenleben eines sonst fernen Menschen gewährt, wird ja seit vielen Jahren von einem Kunstprojekt ausgebeutet: Postsecret.com stellt weltweit Postfächer zur Verfügung, an die Menschen Postkarten schicken können, auf denen in irgendeiner Form und völlig anonym ein Geheimnis offenbart und gestaltet wird. Eine simple und geniale Idee: Endlich einmal etwas aussprechen, was man mündlich niemandem offenlegen würde; schriftlich auch nicht, weil man dann einen Adressaten bräuchte, und der könnte vermutlich irgendwie Rückschlüsse auf den Absender ziehen. Postsecret.com hingegen macht das Geheimnis öffentlich, und der kathartische Effekt, endlich etwas losgeworden zu sein, was einem schon lange auf der Seele liegt, kann in der Anonymität voll genossen werden.

Nur analog bleibt das Geheimnis anonym.

Erst neulich wurde das digitale Gegenstück ins Leben gerufen: Bei Secret.ly kann man Geheimnisse posten. Dass ein solcher Service eingerichtet wurde, ist ein gutes Indiz für jene Verschiebung der Grenze zwischen Öffentlich und Privat, die sich derzeit vollzieht. Die Anbieter sind ganz offensichtlich der Ansicht, dass es wirklich noch Nutzer gibt, die glauben, man sei im Netz anonym. Warum genau sollte ich in einer gated community Geheimnisse offenbaren und mich so in der einen oder der anderen Weise erpressbar machen?

Da lobe ich mir doch die gute, alte, handschriftliche Postkarte des Vertrauens: Jede Sendung ein Original, jede selbst gestaltete Karte ein Unikat.