Sep 7 2013

Algorithmisches Afrika

Die Einführung von Textverarbeitungssoftware hat die Art und Weise, wie wir Texte schreiben, massiv verändert. Man muss nicht mehr die Struktur des Textes im Kopf fertig haben, bevor man beginnt, sondern setzt sich hin, schreibt und kann später noch alles ändern. Einen von Hand geschriebenen Brief bringt heutzutage kaum einer mehr zustande, ohne sich vorher ein paar Notizen zu machen.

Algorithmen könnten auch die Art und Weise, wie literarische oder poetische Texte verfasst werden, massiv verändern. Man schaue sich die Produktionsverfahren an, mit denen lettristische oder kombinatorische Texte erstellt werden – sie lassen sich in Algorithmen fassen, denn diese sind ja auch nichts anderes als Handlungsvorschriften. So hat beispielsweise der US-amerikanische Autor Walter Abish 1974 mit "Alphabetical Africa" einen Roman verfaßt, dessen Produktionstechnik sich als Algorithmus niederschreiben lässt – und zwar als Einschränkung und Zwang. Diese Einschränkungen in ein kleines Programm geschrieben, und es müsste fast jedem gelingen, zumindest tendenziell einen ähnlichen Roman zu verfassen.

Abish's erstes Kapitel von "Alphabetical Africa" ist zwei Seiten lang und enthält ausschließlich Wörter, die mit A beginnen, etwa: "Ages ago, Alex, Allen and Alva arrived at Antibes, and Alva allowing all, allowing anyone, against Alex's admonition, against Allen's angry assertion: another African amusement ... anyhow, as all argued, an awesome African army assembled and arduously advanced against an African anthill, assiduously annihilating ant after ant, and afterward, Alex astonishingly accusses Albert as also accepting Africa's antipodal ant annexation. Albert argumentatively answers at another apartment. Answers: ants are Ameisen. Ants are Ameisen?"

Das zweite Kapitel, auch zwei Seiten lang, enthält dann nur Wörter, die mit a oder b beginnen; das dritte Wörter mit a, b, c, und so weiter, bis etwa in der Mitte des Buches alle Buchstaben des Alphabets als Anfangsbuchstaben benutzt werden dürfen. So erodiert allmählich der Zwang zur Alliteration. Nach Kapitel 26 ("Z") verläuft der Prozess dann rückwärts, die Kapitel y, x, w usf. schränken jeweils wieder die Wortwahl ein. Man kann Abish's "Alphabetical Africa" als Parodie und Kritik am westlichen Imperialismus verstehen. Der formale Zwang ist eine Aussage, denn die Einschränkungen in der Wortwahl treiben die Entwicklung des plots im Roman voran. Angolanische Attacken, Dogonische Destruktionen und eritreische Extinktionen entstehen, weil das Alphabet sie erst ab Kapitel 1, 4 oder 5 zulassen.

Afrikanische Alliterationen

Ein solches Schreibverfahren übt einen unglaublichen Sog aus; als Leser wird man anfangs auf Alliterationen getrimmt, und so geniesst man in Kapitel 26 jeden Anfangsbuchstaben und die Freiheit des Worts – sowie das völlige Fehlen von Alliterationen: "Zambia helps fill our zoos, and our doubts, and our extra-wide screens as we sit back. Each year we zigzag between the cages, prodding the alligators, the antelopes, the giant ants, just to see them move about a bit, just to make our life more authentic, help us recapture the fantasy we had while watching the wide-screen spectacular with rock Hudson on horseback, or the African Queen zapping Panda the wild leopard."

Als kleines Programm wird Abish's Verfahren zum Algorithmus, bei dem man mit muss. Ach algorithmisches Afrika, Alliterationen allüberall.