Jan 19 2013

Crossmedia Storytelling

Oft wird ja unter transmedialem Storytelling ein Konzept verstanden, bei dem es EIN Werk gibt, das den Konsumenten auf verschiedenen Kanälen erreicht. Nehmen wir ein Buch als Ausgangspunkt (was sonst?). Man liest, das Erreichen einer bestimmten Textstelle löst eine SMS auf das eigene Handy oder einen Anruf aus, bei dem der Leser jene Botschaft erhält, die er für das Verständnis des weiteren Textes benötigt. Ein Teil der story findet sich als Stummfilm auf YouTube. Bestimmte Dialoge können angehört werden, wenn eine Nummer anruft. Die Fotos, die eine Figur bei ihrem Aufenthalt in X macht, finden sich auf Flickr oder Instagram. Die Entwicklung einer anderen Figur kann man unter einem Hashtag verfolgen. Eine weitere Figur schreibt einen Brief, den man dann im eigenen Briefkasten findet, als hardcopy. Und so weiter. Eigentlich ist das nicht mehr als ein aufgepeppter, multimedialer Roman. Irgendwie ist da noch die Denke dahinter, dass es EIN Werk gibt, dessen Einheit gewahrt wird, und EINEN Autor, der eben jetzt ganz toll viel mehr Mittel hat. Für den Konsumenten bedeutet das entsprechend multimediale Volldröhnung. Das Rauschen der Kanäle nimmt zu. Daher fühlt sich das alles ein bisschen so an wie ein Hinterhecheln nach den neuen Möglichkeiten, die unsere mordsmoderne Zeit eben so bietet – das Konzept aber ist eigentlich ein altes, und es bleibt auch alt. Trotz transmedia.

Cross- oder transmediales Storytelling kann man aber auch anders denken. Vergiss den Autor, nimm eine Gruppe von Spezialisten. Vergiss die Idee EIN Werk, nimm den Inhalt, die story, die Aussage und mach sie weich und formbar. Liquifiy content. Ein Kollektiv einigt sich auf eine storyline, und dann setzt jeder der 'Autoren' diese Geschichte in jenem Medium / jenem Kanal um, das er meisterhaft beherrscht: Text. Hörspiel. YouTube-Serie. Interaktive, rollenbasierte Game-App. MicroFiction auf Twitter. Bildgeschichte auf Instagram. Facebook-Dramen, 'live' einsehbar für die Konsumenten. Mashup, das den plot mit persönlichen Daten verknüpft. Und so weiter. Was herauskommt, ist eben nicht mehr EIN Werk, sondern viele. Der content passt sich der Eigengesetzlichkeit jedes Mediums an, er verändert sich diesem entsprechend, aber er schöpft eben auch die spezifischen Möglichkeiten aus, die dieses Medium ihm bietet, er vertraut auf die sich entfaltende Eigendynamik. Natürlich ist das dann nicht mehr digitale Literatur; es ist Erzählen in verschiedenen Medien. Selbst wenn es eine abgestimmte timeline gibt bietet es sich nicht an, beliebig zwischen den verschiedenen Medien hin- und herzuwechseln, denn die Erzählverläufe lassen sich schlecht transmedial synchronisieren. Juckt das den Konsumenten? Statt einer multimedialen Freakshow ein Bündel von Angeboten zu erhalten, aus dem man das Medium / den Kanal auswählt, den man am meisten schätzt – das kann schon mal nicht schlecht sein. Wenn das Hineingießen des contents in das Medium dann gut gemacht ist – ein Genuss. Bestimmt sind die Konsumenten auch bereit, dieselbe story mehr als einmal zu verfolgen – es macht schließlich Spaß, nachzuverfolgen und zu vergleichen, was aus ihr in verschiedenen Medien wird. Gute Bücher liest man schließlich auch mehr als einmal.

 

 

Hier ein aktuelles Beispiel: Lebt wohl, Genossen!

Begriffe: 
Okt 8 2010

BIOS Storytelling

Das Basic Input Output System, kurz BIOS, ist sowas wie das vegetative Nervensystem eines Rechners - und irgendwie als solches auch vergleichbar mit der Grundkonstellation von Interaktion beim Erzählen und Aufnehmen von Erzähltem: gib was hinein in die Geschichte, und du änderst den Lauf der Dinge. Ganz lustig, dass Tipp Ex, die ja aus Produktsicht mit Digital so gar nix am Hut haben, derzeit ein massiv erfolgreiche Viralkampagne fährt mit einem interaktiven Video auf Youtube, das genau das vormacht. In seiner Einfachheit ein schönes Beispiel, was man mit einfacher Input/Output-Interaktion lange Spaß an alternativen Fortsetzungen haben kann. Wie gern wär ich mit dem Bär und dem Jäger auf ner Schnitzeljagd durchs Web. 

Begriffe: 
Jun 2 2010

Manifest

Was für mich Augmented Literature bedeutet:

1. Literatur auf digitalen Lese-/Schreibgeräten, die nicht einfach nur raschelt, wenn man sie umblättert
2. Literatur, die für die Art, wie und was sie erzählt, sich digitaler Technologie und Infrastruktur bedient: Hyperlinks, Mashup von Plattformen und Formaten, nicht-lineare Form, Interaktion, Dialog, Echtzeit
3. Literatur, die für die Art, wie und was sie erzählt, sich digitaler Technologie und Infrastruktur bedient, um die Story zu transportieren
4. Jetzt wirst du vielleicht sagen: Aha, das Medium ist die Botschaft, oder zumindest die wichtigere von beiden, wenn noch so was wie ein Sinn drunter liegt, der auch klassisch aufgeschrieben werden könnte. Ich sage aber - klar, Manifest! -: es geht um Sinn, Story, Leseerlebnis, Gehalt, also all die klassischen ästhetischen Erlebnisse, die man mit LIteratur verbindet. Nur eben, dass sie anders entstehen.
5. Es geht mir nicht um Hyperfiction im klassischen Sinn, HTTP-Romane und so. Das hat die ZEIT vor mehr als 10 Jahren gemacht. Texte konnte man auch vor Hyperfiction im Internet verlinken, und dass sich Motive, Geschichten, Sinnpfade aufeinander beziehen und Lesen nicht unbedingt linear ist und manchmal vom Autor selbst nicht-linear empfohlen wird (Cortazar, Rayuela), ist auch nichts neues. Technisch gesehen ist Augmented Reality natürlich HTTP- und URL-basiert, aber eben nicht nur.
6. Eine neue Sichtweise auf das, was als Literatur gilt und gelten wird. Augmented Literature hat am Schluß vielleicht nicht mal mehr viel mit Text zu tun, und trotzdem haben es ihre Leser mit Geschichten und Handlung zu tun
7. Augmented Literature konkurriert nicht mit klassischer Literatur in herkömmlichen Büchern aus Holz, sie schafft etwas Neues
8. Augmented Literature ist mit Absicht nah am Genre (sind AL Leser User?) der Augmented Reality. Beispiele für AR schießen wie Pilze aus dem Web, Marketing hat das Thema seit längerem entdeckt, file under Trendsetter/First Mover/Innovationsführer. Mini hat einen Case, General Electric, you name it. Das Prinzip ist immer dasselbe, Realität wird durch digitale Technologie "erweitert", die unsichtbaren Datenlayer (Mobilfunk, Drahtlos-Web, Rundfunk, etc.), die matrixmäßig über unserer Welt hängen und sie ständig nach- und weiterbilden, werden sichtbar gemacht durch irgendeine mehr oder weniger sinnvolle, mehr oder weniger nützliche Anwendung.
9. AL wird zwangsläufig mit der Erweiterung der Sinne zu tun haben: Sehen, Hören, (Zurück-)Schreiben, möglicherweise ist deshalb "lesen" gar nicht mehr das richtig Tuwort dafür.
10. Welch Art Literatur meine ich? Solche, die erzählt, "schöne" Literatur, meinetwegen auch ein Sachbuch. Bücher, die schon geschrieben sind und Bücher, die noch geschrieben werden müssen - in beiden steckt Potenzial. Wobei für letzteres natürlich auch noch der Autor mitspielen muss. Aber hey, wir haben ja schon ein paar Freunde auf Facebook! ;)
11. Kurz & bündig: AL ist eine Erweiterung von Literatur, wie wir sie bisher kennen, mit digitalen Mitteln

Fragen an dich: Denkst du, Leute wollen so eine Art Literatur? Oder ist Literatur LASS MICH IN RUHE, ICH LESE GERADE? Und wenn das so ist: wie lange dauert die Gewöhnung? Was muss passieren, damit der Übergang, die Gewöhnung, die Überzeugung, so reizvoll, elegant und überzeugend wird wie man es sich für ein neues Format wünschen kann? Kein Zweifel: Wir kämpfen erstmal mit Windmühlen. Als das Buch als Medium neu war, hat ein Don Quijote es ja auch erstmal mit der Medienkompetenz aufnehmen müssen.

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