Dez 26 2013

Georges Perec's kurzer Text "tentative d'épuisement d'un lieu parisien" spielt mit der Grenze zwischen realer und imaginierter Welt. Dieser "Versuch, einen Platz in Paris" zu erfassen oder auszuschöpfen oder auszulöschen (je nachdem, wie man das Französische verstehen will)  beschreibt die flüchtige Alltagswelt auf der Fläche vor der Basilika Saint Sulpice. Eine der ältesten Kirchen von Paris als Schauplatz, ein historischer Ort; dazu liefert Perec ahistorisches, unbedeutendes, flüchtiges: Die arhythmische Präsentation von Tragetaschen, der Taubenschlag eines Tabakladens, der gelegentliche Regen, der die Menge der Passanten in immer neuen Formationen arrangiert. Eine Frau mit zwei Baguettes unter dem Arm.

Un tabac au place Saint-SulpiceFür den Touristen, der auf dem Platz verweilt, ist dieser Text eine willkommene Ablenkung von der Geschichtsmächtigkeit der Pfarrkirche. Er drängt den Leser zur genauen Beobachtung, schärft die Sinne für das Leben der Menschen und lässt den Platz verblassen. Monotonie des Alltags, Rhythmus der Bewegungen, Variationen von Licht und Schatten, die je unterschiedlich gefühlte Zeit, die Ordnungen einer Liste. Direkt vor Ort gelesen, auf Papier oder digital, kann das schmale Büchlein eines der Wunder der Literatur bewirken: Die Veränderung der Wahrnehmung.

Als Augmented Literature sollte das Buch allerdings jedem Leser die Möglichkeit eröffnen, anwesend zu sein, ohne den Platz selbst besuchen zu müssen. Der Text der neun Abschnitte könnte auf der rechten Seite eines aufgeschlagenen eBooks präsentiert werden, auf der linken das Livebild einer Webcam, die an just jenem Ort positioniert ist, an dem Perec im Oktober 1974 gesessen haben muss. Teilnehmende Beobachtung, nicht Überwachung. Bewegung, Konversation, Formation, Kleidung. Leben eben.

 

Dez 21 2013

Freigelassen

Früher, so sagt es der Text in einem Museum, wurden Bücher in öffentlichen Lesesälen angekettet, damit niemand sie "nur für sich" behalten konnte. Die Kette am Buch – für uns heutige Symbol der Versklavung und Unfreiheit – gewährleistete die allgemeine Zugänglichkeit und schützte vor Diebstahl.

Ein Buch an der Kette

Die Zeiten ändern sich. Wer ein Buch für jeden verfügbar machen will, digitalisiert es und legt es auf einen Server, Pendant des mittelalterlichen Lesesaals. Die Kette – nun ja – besteht in den Urheberrechten, dieser Fessel des geistigen Eigentums.

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Dez 14 2013

Bücher, die sich an den Leser anpassen, während er liest – klingt spannend, aber wie kann man sich das vorstellen? Das Buch muss ja irgendwelche Hinweise auf den Leser bekommen, und wenn es nicht seine Lesespuren und Lesegewohnheiten registriert, muss es halt anders gehen.

Um uns an den Gedanken eines reagierenden Buchs zu gewöhnen (und um eine Leserschaft heranzuziehen), macht das New Yorker Startup "Borne digital" vor, wie so ein Buch funktionieren könnte: Die jungen Leser / Schüler bekommen nach dem ersten Kapitel Fragen vorgelegt. Wenn die beantwortet wurden, weiss das Buch, was es von seinem Leser halten soll und passt sich ihm an, was das sprachliche Niveau und die Komplexität angeht. So werden die noch Buchunerfahrenen bei der Stange gehalten. Als born digital readers wird ihnen dabei sicher nicht merkwürdig vorkommen, dass die Lehrer auch Zugang zu ihren Daten haben. Hm. Im Video des New Yorker Vereins sieht das so aus:

 

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Dez 7 2013

Stadt der Liebe

Nichts verändert die Wahrnehmung so stark wie die Liebe – sei es nun, weil alles in Rosa getaucht ist, oder weil die Sinne verwirrt sind. So taucht man als Leser eines Liebesromans schnell in eine phantastische Welt ein. Die Blumen wenden ihre Köpfe den Liebenden zu; die Fliesen, mit denen der Gang gekachelt ist, durch der Verliebte schreitet, beginnen warm zu strahlen und golden zu glänzen; eine schnelle Handbewegung durch die Luft lässt Musik erklingen.

Mit allen Sinnen durch die Stadt der LiebeKein Wunder, dass aus solchen Erzählungen schöne digitale Bücher werden können, in denen augmented literature und augmented reality verschmelzen. Nehmen wir die Stadt der Städte dafür, Paris. Der Leser streift mit seinem Lesegerät durch die Straßen und liest – und alles ist verändert: Die Straßen sind umbenannt, wenn er auf den Stadtplan schaut, denn nun erinnern sie an die Wege und Orte, die das Liebespaar beschreitet und besucht. Schaut der Leser durch die Kamera, sieht er die Liebste (oder den Liebsten) um die Ecke verschwinden wie einen holden Traum – oder im blauen Himmel über sich auf einer Wolke schweben. Die Denkmäler sind verwandelt, denn nun sieht man das Paar in Marmor gehauen und in hingebungsvollen Posen. Und die Metrostationen noch des banalsten Vergnügungsviertels verwandeln sich in den Namen der Geliebten. Ein rascher Schwenk mit dem digitalen Buch, und Sphärenklänge ertönen ...

Aber ach, vielleicht, vielleicht wird auch bald der schwache Duft einer Seerose die Lungen füllen ...

Nov 30 2013

Nackt vor dem Schirm

Der Mensch im Spätkapitalismus ist hypermobil (ohne Zuhause), gut vernetzt und immer "on", erst recht, wenn es in Flugzeugen dann WLAN gibt. Sein ständiges Gezwitscher, die Posterei auf Facebook und den 17 Blogs, die er führt, sind nicht nur sein persönlich-privater Entfaltungsraum und die Manifestation seiner Individualität, sondern auch die Schnittstelle, mit der er von außen wahrnehmbar wird. Genauer: Diese Zone ist nicht nur der Bereich, in dem der Mensch und sein nahes gesellschaftliches Umfeld sich berühren, sondern auch der, auf den der ganz große Bruder schaut. Edward Snowden war so freundlich, uns darauf hinzuweisen.

Das spätkapitalistische Ich und die NSADer digitale Raum dient also nicht nur als Vehikel der Selbstverwirklichung; er ist auch – wie in George Orwells 1948 – der matte Schirm, vor dem wir Gymnastik machen. Wir sind vollständig nackt, weil wir das wollen. Eine Privatsphäre im herkömmlichen Sinn gibt's nicht mehr. Als Antwort darauf können wir ein rotes Tarnkäppchen aufsetzen und in die Wälder zur Großmutter wandern, uns auf die Toilette zurückziehen oder in uns selbst, indem wir schweigend lesen und hoffen, dass keiner dabei durchs eBook hindurch zuschaut.

Oder andersrum: Wir begreifen Facebook, Twitter und unsere Blogs als Raum der Möglichkeiten, in dem wir uns selbst als Fiktion ständig derart neu erfinden, dass keine NSA mehr zwischen den vielen Identitäten durchblickt. Wir können dort musikalische oder filmische Autobiographien schreiben, die klassische Hagiographie mit mobbendem Gossip verbinden, kollaborativ das Leben eines Kollektivs erfinden. Oder wir beleben (zu möglichst vielen natürlich) das Genre der kriminellen Autobiographie neu: Ist nicht jeder von uns auch ein Staatsfeind, Terrorist, Behördenhasser und Bombenleger? Was haben wir denn da in unserem Körbchen?

Nov 23 2013

Der Despot als Künstler

Da war er diese Woche also zu Gast bei Jay Leno, dem US-Talkmaster. George W. Bush, der vormalige amerikanische Präsident, sprach darüber, was er gerade treibt. Er malt. Im Ernst. George W. sitzt also in der Badewanne, betrachtet seine Füße, und beschließt, diese zu malen. Ausserdem malt er Porträts (oder will noch welche malen) von Staatsmännern. Wie süß. George W. hat die kalte Aura der Macht hinter sich gelassen und widmet sich nun der schöngeistigen Kunst. Ausgerechnet er, der den Irak-Krieg angezettelt hat, tauscht das Donnern der Kanonen gegen die Stille der Malerei. Grundlegender Wandel? Kretinismus?

Nichts von alledem. In unserer Kultur geht die Auffassung von Staatsmacht mit Kunstferne einher, der Schönheitssinn entfaltet sich scheinbar weitab von den Zentren der Macht (als ob die ökonomische Potenz der bestverdienenden Popstars nicht auch als Macht zu denken wäre). Wenn man sich aber einmal in der Geschichte umschaut, stellt man schnell fest, dass das falsche Verknüpfungen sind. Adolf Hitler, der sich als Kunstmaler und verkanntes Genie sah, ist das beste Beispiel dafür. Aber nicht allein. Saddam Hussein, der Mann, den George W. zu Fall und an den Strang brachte, schrieb Romane. Von ihm ist 2004 "Zabiba und der König" erschienen, eine Liebesgeschichte, die auch auf Deutsch publiziert wurde und bei Amazon erhältlich ist.. Ausserdem schrieb er Titel wie "Männer und eine Stadt" oder "Die uneinnehmbare Festung". Darüber hinaus ließ er sich ein Jahr lang jede Woche Blut abzapfen, um damit ein Exemplar des Korans schreiben zu lassen.

Andere Beispiele gefällig? Benito Mussolini, Stalin und Mao schrieben Gedichte. Radovan Karadzic ebenfalls, sie sind hier in einer englischen Übersetzung zu lesen. Sein Pseudonym begleitete ihn bis zu seiner Festnahme: "Dragan Dabic". Joseph Goebbels schrieb "Michael. Ein deutsches Schicksal in Tagebuchblättern" (1929). Muammar al-Gaddafi schrieb nicht nur das "Grüne Buch" (1975), sondern auch den Sammelband "Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde und der Selbstmord des Astronauten", ebenfalls bei Amazon zu haben.

Auf einen Nenner lässt sich der Output der Despoten nicht bringen. Archaische Männlichkeitsmythen finden sich neben dem Ideal eines voraussetzungslosen Genies, das sich selbst erschafft. Selbstbespiegelung also, und ein Hinweis darauf, dass schwache Bürger offensichtlich starke Worte brauchen. Oder die Literatur dient als Instrument, um Anschluss an eine Elite zu erhalten (aus der künstlerischen sollte eine politische werden). Der Fall von Saddam aber liegt anders: Hier herrscht ein tragischer, resignativer Grundton vor, der an Selbstmitleid grenzt. Ein Tyrann, der hunderttausende Menschenleben auf dem Gewissen hat, lässt Nähe zu – als Kompensation für die Kälte, mit der er herrschte. Zugleich aber bleiben Freund und Feind weiter fein säuberlich getrennt. Wer den Artikel über Bushs Auftritt bei Leno liest, weiss: So ist es auch bei ihm.

Nov 20 2013

New Storytelling - Update


Jörgs Beitrag zum Kreativwettbewerb findet sich hier auf Lectronica unter http://lectronica.de/content/if-you-love-books bzw. auf Facebook unter https://www.facebook.com/fernando.pe.56 oder https://www.facebook.com/caro.libro.14 (dazu müsst Ihr Euch anmelden).

 

Nov 16 2013

New Storytelling

Vom 18. bis 20. November findet im eigens eingerichteten Münchner Literatur Loft der Kreativwettbewerb "New Storytelling" statt. Er wird von Microsoft veranstaltet und beschäftigt sich mit der Frage, wie Technologie als Katalysator für innovative Ideen und Produktivität wirkt. Oder, in den Worten von Lectronica: Welche Möglichkeiten eröffnen die neuen digitalen Medien für das klassische Erzählen, für die Literatur und für eBooks? Mit von Lectronica dabei ist Jörg, der von Microsoft nach München eingeladen wurden. Was ihn da erwartet? Das werden wir sehen ...

Okt 26 2013

Überschreiben

Jim Avignons neuer Beitrag zur Berliner East Side Gallery ...

 

Oooops, jetzt hat's einer gemacht. Da hat doch letzten Samstag der Künstler Jim Avignon zusammen mit einer Klasse von Kunstschülern sein eigenes Bild an der Berliner East Side Gallery übermalt. Morgens um sieben sind sie angerückt, haben das alte, über zwanzig Jahre Bild Avignons erstmal mit weißer Farbe überstrichen und anschließend gleich ein neues drauf gepinselt – nach einer Vorlage von Avignon selbst natürlich.

"Denkmalschutz? Scheiss drauf" wird sich der Pop-Art-Künstler gedacht haben; wer hat schon so eine exklusive Ausstellungsfläche zur Verfügung? Und das alte Bild ist sicher schon hunderttausende Male dokumentiert worden, digital, auf Fotopapier und Zelluloid.

Die Aktion "Doin' it cool for the East Side 2013" ärgert natürlich Denkmalschützer ebenso wie Künstlerkollegen. Während ihm der Denkmalschutz wohl nur ein Bußgeld aufbrummen wird (ist ja auch ein Amt), werfen andere Mauerkünstler Avignon vor, einem zügellosen Bemalen der East Side Gallery Vorschub geleistet zu haben und etwas konservierenswertes, historisches zerstört zu haben. So ist das, wenn Künstler mauern. Nichts darf man mehr, nicht mal das eigene Bild von vor 20 Jahren übermalen. Und Denkmäler nicht stürzen, selbst wenn's das eigene ist.

Eigentlich fehlt uns ein renommierter Autor, der dasselbe tut. Man stelle sich vor: Fünfhunderttausend Exemplare seines Buches sind seit dem Erscheinen kurz nach der Wende verkauft (digital natürlich), jetzt sagt der Autor "Ich habe mich weiterentwickelt", schreibt das Buch um, drückt ein paar Knöpfchen und zack, schon sind alle fünfhundertausend Bücher auf den Lesegeräten ebenfalls geändert. So ein Update-eBook würde die Musealisierung des Buches verhindern – und den Kult um das gedruckte Wort ebenso wie die Autorenverehrung wenigstens etwas relativieren.

... freut vor allem diejenigen nicht, die Kunst als unantastbar ansehen.

 

Okt 19 2013

Von Hohepriestern

Auf der Frankfurter Buchmesse haben sie wieder geklagt, die Buchhändler, vor allem die Ketten: Hugendubel, Thalia, Weltbild. Schuld an den mies laufenden Geschäften sind die anderen, vor allem Amazon, aber eben auch das Netz mit seinen eBooks. Ungreifbare Gegner in einem umkämpften Markt. Und Marcel Reich-Ranicki ist auch gestorben.

Man mag ja von MRR denken, was man will; autoritär, altväterlich, selbstherrlich, das waren typische Negativurteile. Eins muss man ihm aber zugestehen: Literatur ließ ihn nie kalt, er lobte oder verurteilte sie mit Leidenschaft. Literatur, das waren für ihn Inhalte, mit denen man sich intensiv auseinandersetzt. Buchhandelsketten sind dagegen das genaue Gegenteil eines MRR: Literatursupermärkte, die ihre Waren auf Grabbeltischen anbieten; Angebote für Laufkundschaft. Sie kommunizieren nichts über die Bücher, die sie verkaufen wollen, und es ist diese Leere, die die Kunden anhaucht wie ein Blumenladen ohne Düfte.

Ein Kultprodukt wie ein Buch braucht Hohepriester, die es zelebrieren. Die mit flammenden Schwertern herumfuchteln und bluttriefende Lanzen in den Boden rammen wie Marksteine im Gelände. Die sanfteren Vertreter dieser Art sind die kleinen Buchhändler, bei denen man mit kundigem Auge gemustert und persönlich beraten wird. Wenn die kleinen Buchhändler ihre Kunden länger kennen, bilden eine Reihe von persönlichen Gesprächen jene Vertrauensbasis, die die Geschäftsgrundlage darstellt.

Könnten die kleinen Buchhändler auch eBooks verkaufen? Ja, sicher. Denn dem gläubigen Leser kommt es auf den Text an, auf die imaginäre Welt, die vor seinem inneren Auge entsteht, wenn er liest. Damit eine Fktion funktioniert, muss man an sie glauben. Das haben Religion und Fiktion gemeinsam, und ohne diese Hingabe wäre die Literatur nur ein Haufen von Wörtern, erfundene Geschichten, Lügen ohne Botschaft und ohne Inhalt. Glaubt ihnen genau so wie den Hohepriestern, sonst könnt ihr die Literatur vergessen.

Äthiopischer Priester mit Bibel

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