Jun 2 2010

Manifest

Was für mich Augmented Literature bedeutet:

1. Literatur auf digitalen Lese-/Schreibgeräten, die nicht einfach nur raschelt, wenn man sie umblättert
2. Literatur, die für die Art, wie und was sie erzählt, sich digitaler Technologie und Infrastruktur bedient: Hyperlinks, Mashup von Plattformen und Formaten, nicht-lineare Form, Interaktion, Dialog, Echtzeit
3. Literatur, die für die Art, wie und was sie erzählt, sich digitaler Technologie und Infrastruktur bedient, um die Story zu transportieren
4. Jetzt wirst du vielleicht sagen: Aha, das Medium ist die Botschaft, oder zumindest die wichtigere von beiden, wenn noch so was wie ein Sinn drunter liegt, der auch klassisch aufgeschrieben werden könnte. Ich sage aber - klar, Manifest! -: es geht um Sinn, Story, Leseerlebnis, Gehalt, also all die klassischen ästhetischen Erlebnisse, die man mit LIteratur verbindet. Nur eben, dass sie anders entstehen.
5. Es geht mir nicht um Hyperfiction im klassischen Sinn, HTTP-Romane und so. Das hat die ZEIT vor mehr als 10 Jahren gemacht. Texte konnte man auch vor Hyperfiction im Internet verlinken, und dass sich Motive, Geschichten, Sinnpfade aufeinander beziehen und Lesen nicht unbedingt linear ist und manchmal vom Autor selbst nicht-linear empfohlen wird (Cortazar, Rayuela), ist auch nichts neues. Technisch gesehen ist Augmented Reality natürlich HTTP- und URL-basiert, aber eben nicht nur.
6. Eine neue Sichtweise auf das, was als Literatur gilt und gelten wird. Augmented Literature hat am Schluß vielleicht nicht mal mehr viel mit Text zu tun, und trotzdem haben es ihre Leser mit Geschichten und Handlung zu tun
7. Augmented Literature konkurriert nicht mit klassischer Literatur in herkömmlichen Büchern aus Holz, sie schafft etwas Neues
8. Augmented Literature ist mit Absicht nah am Genre (sind AL Leser User?) der Augmented Reality. Beispiele für AR schießen wie Pilze aus dem Web, Marketing hat das Thema seit längerem entdeckt, file under Trendsetter/First Mover/Innovationsführer. Mini hat einen Case, General Electric, you name it. Das Prinzip ist immer dasselbe, Realität wird durch digitale Technologie "erweitert", die unsichtbaren Datenlayer (Mobilfunk, Drahtlos-Web, Rundfunk, etc.), die matrixmäßig über unserer Welt hängen und sie ständig nach- und weiterbilden, werden sichtbar gemacht durch irgendeine mehr oder weniger sinnvolle, mehr oder weniger nützliche Anwendung.
9. AL wird zwangsläufig mit der Erweiterung der Sinne zu tun haben: Sehen, Hören, (Zurück-)Schreiben, möglicherweise ist deshalb "lesen" gar nicht mehr das richtig Tuwort dafür.
10. Welch Art Literatur meine ich? Solche, die erzählt, "schöne" Literatur, meinetwegen auch ein Sachbuch. Bücher, die schon geschrieben sind und Bücher, die noch geschrieben werden müssen - in beiden steckt Potenzial. Wobei für letzteres natürlich auch noch der Autor mitspielen muss. Aber hey, wir haben ja schon ein paar Freunde auf Facebook! ;)
11. Kurz & bündig: AL ist eine Erweiterung von Literatur, wie wir sie bisher kennen, mit digitalen Mitteln

Fragen an dich: Denkst du, Leute wollen so eine Art Literatur? Oder ist Literatur LASS MICH IN RUHE, ICH LESE GERADE? Und wenn das so ist: wie lange dauert die Gewöhnung? Was muss passieren, damit der Übergang, die Gewöhnung, die Überzeugung, so reizvoll, elegant und überzeugend wird wie man es sich für ein neues Format wünschen kann? Kein Zweifel: Wir kämpfen erstmal mit Windmühlen. Als das Buch als Medium neu war, hat ein Don Quijote es ja auch erstmal mit der Medienkompetenz aufnehmen müssen.

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