Es gehört zu den Eigenheiten von Büchern, dass sie als Ganzes gekauft, aber nicht unbedingt auch ganz gelesen werden. Bestimmte Textgattungen werden sogar zuverlässig gar nicht gelesen: Politikerbiographien, Gesamtausgaben und jene Bücher von Prominenten, über die jeder spricht (da alle drüber sprechen, liest es keiner). In der Welt des Papierbuchs ist das keine Schande, denn das Buch wird einfach ins Regal gestellt, und der Besitzer der Bibliothek gilt dann in den Augen seiner Besucher als belesen.

Wäre ich ein solches Buch, dann würde ich mich scheisse fühlen. Als Buch hätte ich den Anspruch, nicht nur mit einem geilen Cover zu glänzen, nicht nur als GNTM-Retortenprodukt wahrgenommen zu werden – mir käme es auf meine inneren Werte an. So herum betrachtet, wäre ich nicht mal gerne als Sachbuch auf die Welt gekommen. Sachbücher haben nämlich ein Problem: Sie basieren meist auf drei guten Ideen, der Rest kommt dann beim Schreiben. Aber weil Verlage verlangen, dass Bücher eine bestimmte Mindestlänge haben müssen, wird noch viel Füllmaterial in das Sachbuch hineingestopft; meistens Kompilationen oder Zusammenfassungen anderer Bücher. Ganz klar: Ich als Buch wäre gerne als literarisches Werk geboren worden.

Ich als Buch würde natürlich immer fordern: Lest mich! Vermutlich würden die Leser nicht auf mich hören, aber ich würde mir schon merken, welche Passagen immer wieder gelesen werden. Ich würde diese Daten sammeln, mich an den entsprechenden Stellen grafisch aufhübschen, so wie eine Kuh, die sich ihrem Esser anbietet und sagt: Schau her, das ist mein bestes Stück, hier ein Kotelett aus meiner Taille, das kann ich Dir empfehlen. Greif zu.

Und ich als Buch würde meinen Lesern sagen: Empfehle mich weiter. Wenn Du mich nicht als Ganzes empfiehlst, dann doch wenigstens das Stück aus der Taille. Techniker nennen so etwas Polling-Funktion, Soziologen sprechen von sozialem Lesen. Und ja, ich als Buch würde auch Kommentare erlauben. Hauptsache, es maßt sich keiner an, in meinem Text rumzupfuschen, das würde ich irgendwie als Angriff auf meine Identität verstehen. Aber Kommentare und Ergänzungen: Einverstanden. Vielleicht werden meine Leser sagen, dass sie nur mich haben wollen und nicht das Gesülze von Hans Wurst und Hans Käse. Das verstehe ich, und ich finde es ja auch toll, dass sie mich so haben wollen, wie ich bin. Weil ich aber auch Kommentare in Ordnung finde, würde ich ihnen entgegenkommen und sagen: Schalt halt einen Filter dazwischen. Lies nur die Kommentare Deiner Freunde, Deiner Literaturpriester, nur die Kommentare, die auch andere Leser toll fanden.

Das alles hätte den Vorteil, dass ich als Buch mich aus der Papierwelt verabschieden könnte. Mir kommt es nämlich auf meine inneren Werte an, und die stünden dann im Vordergrund. Dass mein Cover geil ist, nun: Das habe ich eigentlich schon immer gewusst.

Nov 2 2014

Literatur im Vortex

Edgar Allan Poe's Erzählung "Hinab in den Maelström" ist eine klassische Parabel auf die Fähigkeit des Menschen, Situationen zu erfassen, zu analysieren und mit Hilfe der Ratio auch zu meistern – selbst (oder gerade) wenn es um Leben und Tod geht. In der Erzählung berichtet ein weisshaariger Mann, wie er mit seinem Boot in einen gigantischen Strudel gerät und von diesem allmählich nach unten gezogen wird.

Illustration zu "Hinab in den Maeström" von Harry Clarke, 1919Als eBook könnte die kurze Geschichte den Leser, der sich die tödliche Gewalt des Wasserwirbels imaginieren muss, mit einer technischen Raffinesse bei der Einfühlung unterstützen: In den modernen Tablets sind – neben anderen Sensoren – auch Gyroskope eingebaut, Kreiselmesser, die feststellen, wie das Tablet gerade gehalten wird. Man kann eBook und Sensor verknüpfen, so dass der Leser beispielsweise nicht mehr durch Wischen blättert, sondern indem er das Tablet kurz 'nicken' lässt. Für eine digitale Maelström-Edition könnte man die Seiten ganz abschaffen, so dass der Text quasi durch Scrollen gelesen werden kann – man muss das Tablet kurz von sich weg neigen, um weiterlesen zu können. An der Stelle, in der der Mann sich mit seinem Boot in den Strudel hinabneigt, muss das Tablet die Kippbewegung des Bootes imitieren (sonst kann nicht weitergelesen werden). Und um dann weiterzuscrollen, muss das Tablet schräg gehalten werden – es muss auf der Seite liegen wie das Boot im Strudel. Später muss man vielleicht das Buch schaukeln lassen, um die heftigen Stöße nachzuempfinden, die das Boot abbekommt...

Ein eBook also, das vom Leser Bewegung fordert. Und eine Parabel auf die Literatur im digitalen Zeitalter. Auch wenn es nicht um Leben und Tod des Buches geht.

Okt 25 2014

Esst mehr Bücher!

Na so etwas. Da bietet der bekannte Taschenhersteller Freitag – ja, die mit den Dingern aus LKW-Plane – ein neues Produkt an. Hosen und andere Klamotten aus Bast. Das besondere an diesen Textilien ist, dass man sie sämtlich rückstandsfrei kompostieren kann. Produktion, Nutzung und Rückführung in den Kreislauf werden so konsequent zu Ende gebracht. Chapeau.

Bücher könnte man natürlich auch leicht recycelbar herstellen. Ökologisch konsequent wäre das ja, die meisten Bücher werden halt eben doch nur einmal gelesen. Stattdessen hängt das Zeug in den Regalen rum. Zum Wegwerfen sind sie den meisten Menschen auch zu schade. Eigentlich hätten treue Leser (oder vielleicht auch die Buchhändler) schon längst kompostierbare Bücher entwickeln sollen.

Ich dagegen mache einen anderen Vorschlag: So wie die Freitag-Brüder ihr Textil F-ABRIC entwickelt haben, sollte man ein essbares Material entwickeln und die Bücher darauf drucken, etwa auf Spitzkohlblätter. Buch durchlesen und danach aufessen. Kein hassle mehr mit überquellenden Bücherregalen!

Bücher, die man sich einverleiben kann, das ist ein geradezu biblischer Vorschlag. Bei Ezechiel 3,1 heisst es schon: "Menschensohn, iss, was du vor dir hast. Iss diese Rolle!" Und in der Offenbarung des Johannes 10, 8-11: "Und ich ging zu dem Engel und bat ihn, mir das kleine Buch zu geben. Er sagte zu mir: Nimm und iss es! In deinem Magen wird es bitter sein, in deinem Mund aber süß wie Honig. Da nahm ich das kleine Buch aus der Hand des Engels und aß es."

Na dann: Guten Appetit!

Sep 24 2014

In der Blase

Wer schon einmal bei Amazon oder im Tolino-Verbund ein eBook erworben hat, weiss, dass sich das anfühlt wie ein Spaziergang am Gängelband. Es gibt ja diese "tethered appliances" (ein Begriff, der sich leider nicht gut übersetzen lässt), also devices, die immer ins Internet und nach Hause telefonieren wollen und die man daher eher schlecht als recht als "angeleinte Anwendungen" beschreiben kann. So ist es auch beim Kauf von Büchern dieser Anbieter: Man muss erst einmal seine Identität an der Gartentür abgegeben haben, um durch das Tor in die Welt der Literatur schreiten zu dürfen. Dank proprietärem Dateiformat und DRM wird man bei diesem Ausflug ständig begleitet: Nicht jeder darf das Buch lesen, das Du eben erworben hast, sondern möglichst nur Du. Amazon schaut sogar dabei zu, was Du liest – welcher Teil des Buches wirklich vom Leser aufgenommen wird.

Wo Du auch bist: Man schaut Dir zu...

Früher – und das wurde auch in der Literatur auch immer so imaginiert – war man mit seinem Buch allein; niemand konnte aus dem Gesicht des Lesers schließen, was in ihm vorging. ... und zwar von innen Daher war eine Gruppe schweigender, lesender Menschen auch ein Horrorszenario für jeden Überwachungsstaat, und eine Literatur, die komplexe Codes verwendete, die nur von ihren Lesern entschlüsselt wurden, ein Alptraum für ihn. Heute sind wir weiter: Das Buch spricht mit seinen Herstellern und verrät ihnen das über den Leser und Käufer, was sie wissen wollen.

Das unschuldige Spiel mit den Buchstaben und selbst das begeistert-wohlmeinende Weiterreichen eines geschätzten Lesestoffs ist damit vergiftet. Das spricht stark dafür, sich Systemen zuzuwenden, in denen der Leser nicht am Gängelband der Datensauger geführt wird, und in denen er sich nicht in einer transparenten Blase weiß. Es muss irgendwie auch offline gehen, selbst wenn es am Ende dazu führt, dass wir in einer Buchhandlung Speichermedien mit digitalen Büchern kaufen und damit Lesegeräte füttern, die nicht beständig nach Hause telefonieren müssen ...

Sep 20 2014

Barcodes

Auf unzähligen Produkten ist sie drauf, diese optoelektronisch lesbare Schrift aus Strichen und Lücken - auch auf Büchern. Und es gibt diese App für iPhones und Androids mit Namen Barcoo. Mit der Handykamera den Barcode fokussiert und gescannt, und schon erhält man die im Netz verfügbaren Informationen zum Produkt wie Testberichte oder Preisvergleiche. Für Bücher wäre das auch eine schöne Sache: Händikamera auf den Barcode halten, erst Rezensionen und Buchtipps aus dem Netz lesen und anschliessend das eBook herunterladen.
Was kaum einer weiss: Auch die deutsche Post verwendet schon lange Strichcodes. Fast jeder von ihr transportierte Brief trägt den fluoreszierenden Strichcode in der unteren rechten Ecke der Anschriftenseite. Damit wird das Ziel unmißverständlich und maschinenlesbar aufgedruckt und optimiert die schnellere maschinelle Weiterleitung und Sortierung.

Wenn sich so wunderbar viele Informationen auf recht unaufwendige Weise unterbringen lassen, wäre das auch ein schönes Einsatzgebiet z.B. für Alltagslyrik. Einfach einen kleinen Barcode an die Wohnungstür der Liebsten beppen, diese hält ihr Händy drauf und liest: "Ganze vier Wochen schon fehlt mir euer Anblick! Ich sah den Neumond, aber euch nicht! Ich sah die Sonne unter- und wieder aufgehen, aber keine Spur von eurem bezaubernden Lächeln..." (Und wer wissen will, wie es weitergeht ... muss diesen gänzlich unromantischen Barcode scannen:)

Ist das nicht wunderbar? Hachja! Ich wünsche mir einen Barcode, gestrichelt auf den Gehweg, mindestens von meiner Haustür bis zur U-Bahn...

Sep 7 2014

Analoge Geheimnisse

Die Urlaubszeit verpasst einem schon deswegen einen regressiven Schub, weil man unweigerlich vor einem jener Souvenirläden mit Postkartendrehständern stehen bleibt und feststellt, indem man sich den DIN-A-5-Kartons zuwendet, dass sie mit der Aura der Authentizität und einem besonderen „Ich war da“ winken. Schnell geschrieben und schnell versandt, stellen diese Relikte einer fernen, handschriftlichen Zeit für den Leser der Karte scheinbar erst den ultimativen Beweis dar, dass da einer wirklich so weit weg war und dann wieder glücklich und um viele Fremdheitserfahrungen reicher wieder zurück kam.

Diese Aura des Analogen, die einen kurzen Einblick in das Seelenleben eines sonst fernen Menschen gewährt, wird ja seit vielen Jahren von einem Kunstprojekt ausgebeutet: Postsecret.com stellt weltweit Postfächer zur Verfügung, an die Menschen Postkarten schicken können, auf denen in irgendeiner Form und völlig anonym ein Geheimnis offenbart und gestaltet wird. Eine simple und geniale Idee: Endlich einmal etwas aussprechen, was man mündlich niemandem offenlegen würde; schriftlich auch nicht, weil man dann einen Adressaten bräuchte, und der könnte vermutlich irgendwie Rückschlüsse auf den Absender ziehen. Postsecret.com hingegen macht das Geheimnis öffentlich, und der kathartische Effekt, endlich etwas losgeworden zu sein, was einem schon lange auf der Seele liegt, kann in der Anonymität voll genossen werden.

Nur analog bleibt das Geheimnis anonym.

Erst neulich wurde das digitale Gegenstück ins Leben gerufen: Bei Secret.ly kann man Geheimnisse posten. Dass ein solcher Service eingerichtet wurde, ist ein gutes Indiz für jene Verschiebung der Grenze zwischen Öffentlich und Privat, die sich derzeit vollzieht. Die Anbieter sind ganz offensichtlich der Ansicht, dass es wirklich noch Nutzer gibt, die glauben, man sei im Netz anonym. Warum genau sollte ich in einer gated community Geheimnisse offenbaren und mich so in der einen oder der anderen Weise erpressbar machen?

Da lobe ich mir doch die gute, alte, handschriftliche Postkarte des Vertrauens: Jede Sendung ein Original, jede selbst gestaltete Karte ein Unikat.

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Aug 31 2014

Perspektivwechsel

Erzählen funktioniert ja in verschiedenen Medien; insofern können sich Erzähler auch etwas von anderen Medien abschauen. Einer der kreativeren Filmemacher der letzten Jahre, Quentin Tarantino, hat sich beispielsweise in dem subtilsten (und am wenigsten blutrünstigen) seiner Filme ein paar schöne Kniffe einfallen lassen. Es ist nicht nur die minutenlange ungeschnittene Kamerafahrt am Beginn des Films, die "Jackie Brown" für Cineasten wie für Vielflieger gleichermaßen attraktiv macht. Sondern: Eine der Schlüsselszenen des Films, die Geldübergabe in einer Shopping-Mall, wird nicht nur einmal gezeigt, sondern gleich drei Mal. Jedes Mal aus unterschiedlichen Perspektiven, erzähl- und kameratechnisch gesehen.

Beim ersten Mal begleitet die Kamera die Hauptdarstellerin Jackie Brown, wie sie sich in dem Modeladen, in dem die Geldübergabe stattfindet, einen Anzug aussucht. Steht ihr super.

Aus der Perspektive von Jackie

Beim zweiten Mal wird der Streit zwischen Melanie und dem sehr nervösen Louis gezeigt, die zugleich Jackie dabei beobachten, wie sie sich einen Anzug aussucht, der ihr super steht.

Aus der Perspektive von Melanie und Louis

Beim dritten Mal wird die ganze Szene von Max Cherry beobachtet, dem Kautionshändler, der schliesslich das Geld an sich nehmen wird (und der auch findet, dass der Anzug Jackie super steht).

Aus der Perspektive von Max Cherry


Dreimal dieselbe Szene, in unterschiedlichem Kamerawinkel und unterschiedlich nah aufgenommen. Von dem, was da erzählt wird, ist es immer dasselbe, wie die obigen Bilder belegen. Anders ist eigentlich immer nur der Rahmen – einmal ist es die Erlebnisperspektive von Jackie, dann die von Melanie und Louis, dann die von Max Cherry. Der Informationszugewinn für den Zuschauer liegt nur in der Rahmenerzählung, nicht in der Wiederholung. Dennoch bewirkt sie, dass der Zuschauer sehr genau versteht, was da wirklich passiert (und wer da wen hinters Licht führt).

In einem Buch würde das so wahrscheinlich nicht vorkommen – es wird wohl kaum einen Autor geben, der seinen Text per copy + paste dreimal einfügt. Unterschiedliche Winkel oder Nähe/Ferne kennt das Erzählen mit Worten so nicht. Stets wäre die Erzählperspektive an das individuelle Erleben eines der Figuren geknüpft; Jackie Brown empfindet und sieht anders als die anderen Figuren.

Das wäre eine Möglichkeit, wie in digitaler Literatur die viel gescholtenen Hyperlinks verwendet werden könnten; der Leser muss sich entscheiden, ob er lieber mit der einen oder der anderen Figur gehen (oder vielmehr lesen) will. Aber er kann auch alle drei Erzählungen lesen; oder das ganze auch mehrfach lesen ...

... wie man es nur mit Büchern macht, die man wirklich gern mag.

Aug 11 2014

Clues

Vor fast 150 Jahren schwappte die Wissenschaft in die Literatur über und ein neues Genre entstand – der Kriminalroman. Im Krimi geht es logisch zu, und der Kriminalist oder Detektiv arbeitet 'wissenschaftlich', indem er Hinweise sammelt, erforscht und miteinander verknüpft. Nie zuvor mussten sich die Leser derart akribisch mit den in den Text eingebetteten clues beschäftigen, um gemeinsam mit dem Protagonisten nach der Lösung des Rätsels zu forschen. Es ist merkwürdig genug: Das neue Genre setzte sich binnen kurzem durch und damit eine Sorte von Fiktionen, in denen ein semioti­scher Mechanismus (also die Entzifferung von Spuren und Hinweisen) mit einer narrativen Struktur (dem Spannungsaufbau bis zur finalen Auflösung) verschränkt wurde. Tatsächlich gibt es kaum ein anderes Genre, das den Leser derart stark involviert, ihn am Geschehen teilhaben lässt und ihn dazu verführt, im Wechsel entweder den plot zu verfolgen oder die gestellten 'kriminalistischen' Aufgaben zu lösen. Daher bietet der Kriminalroman Anknüpfungspunkte für Interaktivität wie kaum ein zweites literarisches Genre.

The labyrinthic big brain

Leserbindung, Interaktivität – vielleicht zeichnet sich der digitale Kriminalroman der Zukunft ja (als eines der wenigen literarischen Genres) durch seine Nähe zum Spiel aus. Denn wie bei einem Spiel könnten Leser digitaler Krimis (narrative) Fährten verfolgen und (virtuelle) Hinweise sammeln. Diese wiederum liessen sich mit dem plot verbinden; in einer simplen Form könnte das wie eine notwendige Bedingung aussehen ("wenn Du nicht alle nötigen Hinweise gefunden hast, kannst Du nicht weiterlesen"), in einer raffinierteren Form könnte das Geschehen mit dem Handeln des Kriminalisten oder Detektiv verbunden sein: Falsche Hinweise gesammelt, nicht auf die richtige Fährte gekommen. Oder: Richtig kombiniert, Mörder überführt.

Vermutlich wird sich das Genre "digitaler Kriminalroman" so entwickeln wie ein klassisches Labyrinth: Es wird eine ganze Weile brauchen, bis die konzeptionelle Mitte zwischen "Es gibt eigentlich nur einen Weg raus" und "Es muss schon unübersichtlich sein" gefunden ist. Ich glaube aber, das wird kommen. Warten wir's ab.

Aug 5 2014

Helden unserer Zeit

Nachdem die WM 2006 im eigenen Land so entkrampfend auf uns Deutsche gewirkt hat, können wir also nun ganz entspannt die Füße hochlegen. Und unsere Helden feiern. Was gibt es Schöneres, als jenen Torhüter in den eigenen Reihen zu wissen, der die meisten Ballkontakte außerhalb des Strafraums hatte, oder jenen kleinen Wusler, der das ganze Turnier über nichts rechtes zustande brachte, aber dann im entscheidenden Spiel das Siegtor erzielte?

Das Heldenproblem, das wir nach zwei verlorenen Weltkriegen und einem Holocaust hatten, wird sich damit wohl erledigt haben. Was nun? Läßt sich das noch toppen? Als Fußballer vielleicht: Wie Zinedine Zidane durch einen Kopfstoß im Finale (um die Beleidigung der Schwester zu sühnen). Oder, wie Marko Marin, durch die Teilnahme an europäischen Finalspielen in zwei aufeinanderfolgenden Jahren (mit Chelsea und Sevilla): In beiden Finals mit dabei, jedoch nicht an der Entscheidung beteiligt, weil auf der Auswechselbank platziert. Das hat jedesmal Mythospotential: Melancholie und übermenschliche Tragik werden in eins gefaßt.

Vor fast hundert Jahren hatte es Joseph Conrad noch leicht: Sein Held in "The Shadow Line" lenkt ein Schiff in die Windstille der Biskaya und setzt sich durch Geduld, Beharrlichkeit und Weisheit durch – er bringt das Schiff sicher in den Zielhafen, und Conrad eine Parabel über Mannwerdung und Heldentum zu Papier (hier auf Englisch für eBook-Leser).

Helden der Winde: Auf ins 21. Jahrhundert

Aber wir? Welche Helden erschaffen wir im 21. Jahrhundert? Mir fällt da nur die Tat eines Giganten der Globalisierung ein: Francesco Schettino, der es geschafft hat, ein 300 Meter langes Schiff im Wert von 450 Millionen Euro ins Verderben zu steuern. Dabei wollte Schettino doch nur seinem Kollegen Mario Terenzio Palombo den traditionellen "inchino" – die "Verneigung" – darbieten. Mit einer Verbeugung einen solchen Giganten in die Grütze zu reiten, das hat was. Das ist stark, das ist unschlagbar. Laßt uns einen Knicks vor Capitano Schettino machen.

Mehr tragische Größe ist uns nicht möglich; und mehr kann die Literatur nicht leisten, als diese Helden unserer Zeit ins Wort zu setzen. Welcher Joseph Conrad unter uns findet sich, um dieses Heldentum zu feiern?

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Jul 23 2014

... hat gerade wieder ein angelsächsisches Blatt ausgerufen. Mir, als ächtem Charakterkopfe, deucht das ein wenig voreilig. Ein solches wurde ja bereits vor hundert Jahren beschworen, auch im Sommer 1914 glaubte man, dass am deutschen Wesen die Welt genesen solle. Mich bekriecht hier eine Ahndung, dass die Huldigung an die Deutschen, so früh zu Beginn des noch im Morgenthau sich wälzenden Jahrhunderts wie ein ehernes Gesetz vorgetragen, der allgemeinen Entwicklung wenig behülflich sein werde.

Die Literatur hat diese Aufwartung natürlich bereits vorhergesehen. Christian Krachts Imperium und Jonas Lüschers Frühling der Barbaren erbrechen beide das Siegel zeitgenössischer Befindlichkeiten und kontrastiren den deutschen Hochmuth mit der Antiquiertheit des Verbalausdrucks, wie er im Deutschen Reiche gepflegt wurde. Kracht stellt die Negativfigur eines Einsiedler-Propheten in der Südsee dem von den Deutschen erwählten Dictator gegenüber und entbietet also mit Hülfe eines vegetarischen Kokovoren dem vegetarischen Anthropophagen einen verschrobenen Gruß. Lüscher dagegen bemüht einen schweizerischen Erzähler, um das Schicksal einer Gruppe von Bankern bis zum thränenreichen Ende des Finanz-Crashs voranzutreiben. All dies wird dem Leser in einer eigenthümlichen Sprache dargeboten, die anmuthig daherkommen, den Sinn bestricken und den Leser erquicken soll.

Die schmucke Sprache kommt dabei gleichsam als Hülle der Zivilisation daher, die den Deutschen stets silberhell umgibt, und die er doch abstreift, um die nackenden Hauer und das rohe Fleisch der Barbarei zu entblößen (um hier eine stumpf gewordene Metapher wieder aufzugreifen). Das alles wirkt ein wenig so, als wie wenn einem albernen Liede ("So gehn' die Gauchos") sein vorsintfluthlicher Ursprung ("Zehn kleine Negerlein") entwunden würde.

Vielleicht ist das sprachliche Geschwulst der beiden Authoren, ihre stutzerhafte Geberde, ja wirklich heilsam gegenüber dem Pathos des ins sommerliche Schlachtenwetter hinausgebrüllten Weltbeherrscherthums. Sollte dem so sein, könnte man mittels einer Apparatur jegliche deutschsprachige Verbaläußerung in das alterthümelnde Reichsdeutsch verwandeln. Ein digitaler Stylisator würde sich anschicken, jegliches ins Internet entäußerte deutsche Wort in sprachlichen Tand zu kleiden. Ich habe das Geräth eben ausprobiert – was haltet Ihr, geschätzter Leser, davon?

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