Apr 12 2014

Menschen machen Muster, und wenn man die Finger ständig an einem Gerät wie dem Smartphone hat, kennt das Gerät diese Muster. Die Vermessung des Ichs läuft über Spracherkennung, Temperatur, Hautfeuchtigkeit, Blutdruck und Puls, und wenn alle iDevices dann noch mehr vollgestopft werden mit Sensoren, kann man irgendwann noch geschmackliche Prämissen, arithmetische Geschwindigkeit, Depressivitätsintensität, Körpersaftaussscheidungsfrequenz und sensuelle Rezeptivität bei homöopathischen Dosen aufzeichnen (Liste beliebig verlängerbar). Alles, was sich wiederholt, kann zu Mustern verarbeitet werden, und stabile und erfolgreiche Muster lassen sich auslesen. So bestimmt auch die eigene Empfänglichkeit von Literatur.

Mit anderen Worten: Wenn ich schlecht drauf bin und mir Jandl-Lyrik aus dem Loch hilft; wenn es mir besser gelingt, Schmerz zu ertragen, weil ich Cervantes lese; wenn mich Rimbauds wilde Würstchen in das Hochland von Abessinien und damit aus den starren Alltagsabläufen herauszerren, dann ist das ganz klar ein Fall für mein 1984 erfundenes "Quantified Self" - eBook, das mit allen Geräten im Smartphone kommunizieren kann. Da es mich kennt, weiss es, wann es mir welche Literatur zu lesen gibt, damit es mir gut geht. Oder noch simpler: Das Buch fühlt mir den Puls und schlägt Literatur vor, passend zur Stimmung oder kontrapunktisch.

Ein Hurra auf alle Algorhythmen, denn die Hauptsache ist doch, dass Literatur beim Leser wirkt, wie eine quasi-homöopathische, "geistige" Stimulation. Und je genauer meine Daten interpretiert werden, um so genauer fokussiert die Literatur auf ihren Leser. Denn eigentlich gibt es ja immer nur einen Leser, und der heisst: ICH.

Mär 15 2014

Das geschlossene Buch

Da haben die Ahnen schon recht: Ein Buch und Du, mehr braucht es nicht. Kein Facebook, keine Vernetzung der Bücher untereinander, keine geschlossenen Systeme wie Amazon und der iBook-Store, und auch keine angeleinten ("tethered") Anwendungen wie bei den ganzen Online-Spielen. Ein Buch und Du, das heisst auch: Autonomie, Individualität, Empfänglichkeit, Dialog. Das Buch als Brevier und Lebensratgeber; da kann man schon mal auf die Ahnen hören.

Eine Spruchweisheit aus dem Hagakure: Nach den Worten der Ahnen soll man seine Entscheidungen innerhalb von sieben Atemzügen treffen. Es ist eine Frage der Entschlossenheit und des Willens, zur anderen Seite durchzustoßen.

Wir Leser brauchen also den ganzen Firlefanz nicht und können von Mark Zuckerberg, Jeff Bezos und Steve Jobs unabhängig bleiben. Muss man deshalb das Rad zurückdrehen und auf eBooks verzichten? Wenn das Buch als Einheit abgeschlossen bleibt und nichts über den Leser an die ganzen gierigen Monopolisten und Datensammler weitergibt, dann sicher nicht. Hier müssen wir eben noch unseren Weg finden zwischen der Omnipotenzphantasie ubiquitärer Verfügbarkeit von Büchern und der totalen Kontrolle marktbeherrschender Konzerne (oder Geheimdienste: Denen sind Leser immer suspekt, wie ich bereits einmal bemerkt habe.)

Aber auch das wussten schon die Alten, wie man ebenfalls dem Hagakure entnehmen kann: "Es heißt, dass man zu dem, was man „Geist einer Epoche“ nennt, nicht zurückkehren kann. Dass dieser Geist sich zerstreut, liegt an der Endlichkeit der Welt. Aus diesem Grunde, auch wenn man heute den Geist von vor 100 Jahren und mehr wollte, geht es nicht. Folglich ist es wichtig, aus jeder Generation das Beste zu machen."

Mär 8 2014

A real-time eBook

Nicht selten spielen Geschichten an mehr oder minder nur einem Ort, auf einem "Zauberberg" oder einem Kloster im Apennin. Manche erzählen gar das ganze Leben eines oder mehrerer Protagonisten oder Familien anhand von einem Ort; Bruce Chatwins "Auf dem schwarzen Berg" ist hierfür ein Beispiel. Die Mikrostruktur des alltäglichen Lebens wird mit der Makrostruktur des Raumes verknüpft.

Wäre es nicht schön, immer ein Bild dieses einen, speziellen Ortes zur Verfügung zu haben? Auf der linken Buchseite eine Ansicht dieses Ortes, auf der rechten der Text. Und die Ansichten wandeln sich in der Zeit.

Hier gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder sie richten sich nach der Zeit des Lesers - eine Realzeitansicht des Ortes, wie er jetzt in diesem Moment gerade aussieht. Wer morgens liest, sieht den Ort am Morgen. Wer abends liest, den Abend. Während des Lesens werden die Schatten immer länger.

Oder die Zeit der Erzählung wird gewählt: Der Ort im Frühjahr. Der Ort im Herbst. Der Ort bei Sturm. Kinder werden geboren, werden erwachsene Menschen und Alte, und immer wieder sieht man den Ort, der ihr Leben bestimmt, neu und verändert. Das tut der Erzählung keinen Abbruch: Sehen heisst Nichtsehen.

Mär 1 2014

Der offene Leser

Eigentlich ein unglaublicher Vorgang: Wer auf seinem Windows-Rechner ein Programm installieren möchte, muss erst zustimmen: "Möchten Sie zulassen, dass durch das folgende Programm Änderungen an diesem Computer vorgenommen werden?" Tatsächlich kann das installierte Programm dann anschließend eine ganze Menge Änderungen vornehmen, auch solche, die das System vollständig verändern.

Grundsätzlich sollte so etwas auch für Bücher gelten: Dass man nämlich erstmal zustimmen muss, ob durch das konsumierte Buch Änderungen am intellektuellen oder ästhetischen System vorgenommen werden. Jetzt lachst Du, lieber Leser, nicht wahr? Denn das ist doch eigentlich einer der schönsten Vorzüge der Literatur, dass man lernt, die Welt neu zu sehen und Perspektiven und Einsichten zu gewinnen, auf die man sonst selbst nicht gekommen wäre. Insofern ist eine Systemänderung vom Leser durchaus gewünscht und wird als Bereicherung verstanden.

Der etwas grobschlächtige Vergleich zwischen Betriebssystem und kognitiven Vorgängen im menschlichen Gehirn bringt zum Vorschein, wieviel kulturellen Vertrauensvorschuss wir Leser dem Buch gewähren. Ein Buch, ein literarisches noch dazu, das muss gut sein. Geht immer. Zieh' ich mir auf jeden Fall. Von diesem Vertrauensvorschuss zehren auch digitale Bücher. Meist vom Volumen her recht klein, schmeissen wir sie problemlos in unsere eReader; um so leichter, wenn sie umsonst und kostenlos im Internet zu haben sind.

Warum eigentlich werden wir, wenn wir ein eBook öffnen, nicht gefragt, ob das Buch Änderungen am System vornehmen darf? Kommt das wirklich gar nicht vor? Kann das Buch keine Wirkung haben wie ein Virus auf einem Rechner?

Begriffe: 
Feb 1 2014

Bücher retten Leben

Kaum ein Buch auf dieser Welt, das so als Inbegriff des Buches gelten kann wie die Bibel. Sie trägt alle Merkmale eines "Klassikers": Ein Longseller, jeder hat schon mal von ihr gehört, sehr viele besitzen sie, viele haben schon mal in ihr gelesen, fast keiner hat sie ganz gelesen.

Und weil die Bibel ein so schönes, dickes Buch ist, kann man sie, wie wir aus der hier veröffentlichten herrlichen Anekdote lernen können, als Kopfkissen benutzen und darauf schlafen. Wieder so ein unschlagbarer Vorteil von physischen Büchern gegenüber den elektronischen: Wer benutzt schon seinen eReader als Kopfkissen? Viel zu dünn, zu hart, zu unpraktisch.

Die Bibel, um die es hier geht, hat ein Infanterist im Ersten Weltkrieg mit sich in den Unterstand getragen und zum Schlafen unter seinen Kopf gelegt. Eine Granate durchschlug die Decke des Unterstandes, tötete und verwundete vieler seiner Kameraden – der für unseren Infanteristen bestimmte Granatsplitter aber wurde von der Bibel aufgehalten und er blieb unverletzt. Diese Geschichte vergegenwärtigt uns den zu übertreffenden Vorzug einer fettleibigen Schwarte. Und darum noch einmal: Ein Hoch! auf das physische Buch.

Dieses Bild einer mit Bibel mit Granatsplitter wurde von Gottfried Geiler unter einer CC BY-SA 3.0 Lizenz auf der public-domain-webseite www.europeana.org publiziert.

Credits: Dieses Bild wurde von Gottfried Geiler unter einer CC BY-SA 3.0 Lizenz  publiziert - vielen Dank dafür!

Jan 18 2014

Mit den Ohren sehen

Wer mal eine echte Wahrnehmungsveränderung erleben möchte, sollte ins Kino gehen: In "Imagine" bringt ein blinder Lehrer seinen ebenfalls blinden Kindern Orientierung per Echo-Ortung bei. Da das Sounddesign und die Hifi-Anlagen in den Kinos heutzutage super sind, kann man das alles als Zuschauer prima nachvollziehen: Man lernt, mit den Ohren zu sehen. Das klappt zum Ende des Films hin so gut, dass das riesige Schiff, vor dem die Blinden stehen, vollkommen wahrnehmbar ist (auch wenn man es nicht zu sehen bekommt, selbst wenn man sehen kann). Inneres Auge auf also, dann hast Du's. Das will auch der Titel des Films sagen: Was Du nicht sehen kannst, musst Du imaginativ ergänzen – erst dann ist die Szene komplett.

Die NASA hat sich jetzt was nettes für blinde Leser einfallen lassen. Weil das Hubble-Teleskop so schöne Bilder vom Tarantel-Nebel macht, produzierte das Space Telescope Science Institute (STScI) ein eBook mit interaktiven Fotos, das demnächst im iBook-Store erscheinen wird. Fotos für Blinde: Wenn man mit dem Finger über die Sterne streicht, werden sie hörbar. Je heller der Stern, desto höher der Ton. Kältere Sterne hört man auf dem rechten Ohr, wärmere auf dem linken. Interaktivität einmal akustisch realisiert. Darüber hinaus gibts noch naheliegende features wie Braille-Layer und Screenreader.

Hubble Probes Interior of Tarantula Nebula
Source: Hubblesite.org (Credits: NASA, ESA and E. Sabbi (STScI))

Mein eBook für Blinde sähe natürlich anders aus. Ein virtueller Raum, in dem weniges nur klar zu erkennen ist (die meisten "Blinden" sind ja nicht völlig blind, sondern sehen nur stark eingeschränkt). Geräusche zeigen an, wo es was zu entdecken gibt. Durch den Raum wird mit den Bewegungen des eReaders navigiert, also mit dem Gyroskop. Und Geschichten und Abenteuer sind dort leicht zu erleben, wie wir aus "Imagine" wissen. Man könnte sich zum Beispiel ein Glas Wasser einschenken ...

Jan 4 2014

Innen und Außen

Schon vor ziemlich langer Zeit hat sich die Literatur angewöhnt, die Medien des Alltags zu verachten. Literatur  war schon immer edel und unvergänglich, sie zeigt filigrane Routen durch die dünne Höhenluft auf. Außerdem beansprucht sie, Seismograph der Intimität zu sein und besonders nah an lebende oder fiktive Personen heranzoomen zu können. Das hat sie allerdings mit den Alltagsmedien gemein: Auch Fernsehen, Zeitungen, Blogs, Twitter usf. behaupten die totale Transparenz der öffentlichen Person.

Irgendwie ist Literatur aber anders: Sie gewährt Einblicke in die Innenwelt, in die Innerlichkeit der Gefühle, auch wenn das alles vielleicht nur fingiert und gemutmaßt ist. Die alltäglichen Medien hingegen fokussieren stark auf Personen, kommen aber nicht in sie hinein. Auch Twitter – könnte ja ein Online-Tagebuch sein – täuscht ja Nähe nur vor; man ist nur schnell dran an den Leuten, die twittern; aber: Schaut man auch in sie hinein?

Andersherum gefragt: Wie könnte ein Roman aussehen, der auf Twitter publiziert wird und nicht nur die übliche Microfiction (oder Gedankengebrösel) ist? Wie würde ein Treatment für einen Film dort aussehen? Welche markigen Sätze und unsterblichen Dialoge würden wir dort finden?

Begriffe: 
Dez 29 2013

Der erste Tweet

Frankreich, letztes Drittel des 19. Jahrhunderts. Die Rotationspresse ist erfunden, die Zahl der Zeitungen explodiert nach dem Ende der Zensur, der Preis pro verkauftem Exemplar fällt auf 5 Centimes, der Telegraph wird erfunden und versorgt die Redaktionen mit einer Fülle von Informationen. Nun wird der Platz knapp: Die Zeitungen bestehen meist aus vier Seiten auf zwei Blatt. Also: Raus mit den eloquenten Kommentaren und den Berichten aus der monde und demi-monde, rein mit den Informationen, kurz gehalten. Die faits divers, die vermischten Meldungen entstehen.

Als auch hier die Masse an Information die zur Verfügung stehende Anzahl von Zeichen übersteigt, wird die Reduktion von Information zur Kunstform. Keinem gelang das besser als dem Kritiker und Journalisten Félix Fénéon, der zwischen Mai und November 1906 in der Zeitung "Matin" die Rubrik "Nouvelles en trois lignes" betreute. Vermischte Meldungen, in drei Zeilen komprimiert – das dürften wohl die ersten Tweets gewesen sein. Kurze, geschliffene Sätze, bei denen die Leser wesentliche Informationen ergänzen mussten und oft nicht zwischen Fakt und Fiktion unterscheiden konnten. "Nachdem er sein Messer sechs mal in den Hals, den Kopf und den rechten Arm der Baronin Apolline Selias gepflanzt hatte, floh ihr Ex-Liebhaber." Beziehungsdrama? Eifersucht? Parodie? Warum "gepflanzt"? 

Nicht schlecht, und das mehr als hundert Jahre vor den Tiny Tales von Florian Meimberg. Mehr braucht Microfiction nicht. Hat jemand schon eine Seite angelegt, um all die Tweets zu sammeln, die als vermischte Meldungen verkleidet daherkommen? 

Dez 26 2013

Georges Perec's kurzer Text "tentative d'épuisement d'un lieu parisien" spielt mit der Grenze zwischen realer und imaginierter Welt. Dieser "Versuch, einen Platz in Paris" zu erfassen oder auszuschöpfen oder auszulöschen (je nachdem, wie man das Französische verstehen will)  beschreibt die flüchtige Alltagswelt auf der Fläche vor der Basilika Saint Sulpice. Eine der ältesten Kirchen von Paris als Schauplatz, ein historischer Ort; dazu liefert Perec ahistorisches, unbedeutendes, flüchtiges: Die arhythmische Präsentation von Tragetaschen, der Taubenschlag eines Tabakladens, der gelegentliche Regen, der die Menge der Passanten in immer neuen Formationen arrangiert. Eine Frau mit zwei Baguettes unter dem Arm.

Un tabac au place Saint-SulpiceFür den Touristen, der auf dem Platz verweilt, ist dieser Text eine willkommene Ablenkung von der Geschichtsmächtigkeit der Pfarrkirche. Er drängt den Leser zur genauen Beobachtung, schärft die Sinne für das Leben der Menschen und lässt den Platz verblassen. Monotonie des Alltags, Rhythmus der Bewegungen, Variationen von Licht und Schatten, die je unterschiedlich gefühlte Zeit, die Ordnungen einer Liste. Direkt vor Ort gelesen, auf Papier oder digital, kann das schmale Büchlein eines der Wunder der Literatur bewirken: Die Veränderung der Wahrnehmung.

Als Augmented Literature sollte das Buch allerdings jedem Leser die Möglichkeit eröffnen, anwesend zu sein, ohne den Platz selbst besuchen zu müssen. Der Text der neun Abschnitte könnte auf der rechten Seite eines aufgeschlagenen eBooks präsentiert werden, auf der linken das Livebild einer Webcam, die an just jenem Ort positioniert ist, an dem Perec im Oktober 1974 gesessen haben muss. Teilnehmende Beobachtung, nicht Überwachung. Bewegung, Konversation, Formation, Kleidung. Leben eben.

 

Dez 21 2013

Freigelassen

Früher, so sagt es der Text in einem Museum, wurden Bücher in öffentlichen Lesesälen angekettet, damit niemand sie "nur für sich" behalten konnte. Die Kette am Buch – für uns heutige Symbol der Versklavung und Unfreiheit – gewährleistete die allgemeine Zugänglichkeit und schützte vor Diebstahl.

Ein Buch an der Kette

Die Zeiten ändern sich. Wer ein Buch für jeden verfügbar machen will, digitalisiert es und legt es auf einen Server, Pendant des mittelalterlichen Lesesaals. Die Kette – nun ja – besteht in den Urheberrechten, dieser Fessel des geistigen Eigentums.

Begriffe: 

Seiten

RSS - lectronica abonnieren