Sep 24 2014

In der Blase

Wer schon einmal bei Amazon oder Thalia ein eBook erworben hat, weiss, dass sich das anfühlt wie ein Spaziergang am Gängelband. Es gibt ja diese "tethered appliances" (ein Begriff, der sich nicht übersetzen lässt), also devices, die immer ins Internet und nach Hause telefonieren wollen und die man daher eher schlecht als recht mit "angeleinte Anwendungen" übersetzen kann. So ist es auch beim Kauf von Büchern dieser Anbieter: Man muss erst einmal seine Identität an der Gartentür abgegeben haben, um durch das Tor in die Welt der Literatur schreiten zu dürfen. Dank proprietärem Dateiformat und DRM wird man bei diesem Ausflug ständig begleitet: Nicht jeder darf das Buch lesen, das Du eben erworben hast, sondern möglichst nur Du. Amazon schaut sogar dabei zu, was Du liest – welcher Teil des Buches wirklich aufgenommen wird.

Wo Du auch bist: Man schaut Dir zu...

Früher – und das wurde auch in der Literatur auch immer so imaginiert – war man mit seinem Buch allein; niemand konnte aus dem Gesicht des Lesers schließen, was in ihm vorging. ... und zwar von innen Daher war eine Gruppe schweigender, lesender Menschen auch ein Horrorszenario für jeden Überwachungsstaat, und eine Literatur, die komplexe Codes verwendete, die nur von ihren Lesern entschlüsselt wurden, ein Alptraum für ihn. Heute sind wir weiter: Das Buch spricht mit seinen Herstellern und verrät ihnen das über den Leser und Käufer, was sie wissen wollen.

Das unschuldige Spiel mit den Buchstaben und selbst das begeistert-wohlmeinende Weiterreichen eines geschätzten Lesestoffs ist damit vergiftet. Das spricht stark dafür, sich Systemen zuzuwenden, in denen der Leser nicht am Gängelband der Datensauger geführt wird, und in denen er sich nicht in einer transparenten Blase weiß. Es muss irgendwie auch offline gehen, selbst wenn es am Ende dazu führt, dass wir in einer Buchhandlung Speichermedien mit digitalen Büchern kaufen und damit Lesegeräte füttern, die nicht beständig nach Hause telefonieren müssen ...

Sep 20 2014

Barcodes

Auf unzähligen Produkten ist sie drauf, diese optoelektronisch lesbare Schrift aus Strichen und Lücken - auch auf Büchern. Und es gibt diese App für iPhones und Androids mit Namen Barcoo. Mit der Handykamera den Barcode fokussiert und gescannt, und schon erhält man die im Netz verfügbaren Informationen zum Produkt wie Testberichte oder Preisvergleiche. Für Bücher wäre das auch eine schöne Sache: Händikamera auf den Barcode halten, erst Rezensionen und Buchtipps aus dem Netz lesen und anschliessend das eBook herunterladen.
Was kaum einer weiss: Auch die deutsche Post verwendet schon lange Strichcodes. Fast jeder von ihr transportierte Brief trägt den fluoreszierenden Strichcode in der unteren rechten Ecke der Anschriftenseite. Damit wird das Ziel unmißverständlich und maschinenlesbar aufgedruckt und optimiert die schnellere maschinelle Weiterleitung und Sortierung.

Wenn sich so wunderbar viele Informationen auf recht unaufwendige Weise unterbringen lassen, wäre das auch ein schönes Einsatzgebiet z.B. für Alltagslyrik. Einfach einen kleinen Barcode an die Wohnungstür der Liebsten beppen, diese hält ihr Händy drauf und liest: "Ganze vier Wochen schon fehlt mir euer Anblick! Ich sah den Neumond, aber euch nicht! Ich sah die Sonne unter- und wieder aufgehen, aber keine Spur von eurem bezaubernden Lächeln..." (Und wer wissen will, wie es weitergeht ... muss diesen gänzlich unromantischen Barcode scannen:)

Ist das nicht wunderbar? Hachja! Ich wünsche mir einen Barcode, gestrichelt auf den Gehweg, mindestens von meiner Haustür bis zur U-Bahn...

Sep 7 2014

Analoge Geheimnisse

Die Urlaubszeit verpasst einem schon deswegen einen regressiven Schub, weil man unweigerlich vor einem jener Souvenirläden mit Postkartendrehständern stehen bleibt und feststellt, indem man sich den DIN-A-5-Kartons zuwendet, dass sie mit der Aura der Authentizität und einem besonderen „Ich war da“ winken. Schnell geschrieben und schnell versandt, stellen diese Relikte einer fernen, handschriftlichen Zeit für den Leser der Karte scheinbar erst den ultimativen Beweis dar, dass da einer wirklich so weit weg war und dann wieder glücklich und um viele Fremdheitserfahrungen reicher wieder zurück kam.

Diese Aura des Analogen, die einen kurzen Einblick in das Seelenleben eines sonst fernen Menschen gewährt, wird ja seit vielen Jahren von einem Kunstprojekt ausgebeutet: Postsecret.com stellt weltweit Postfächer zur Verfügung, an die Menschen Postkarten schicken können, auf denen in irgendeiner Form und völlig anonym ein Geheimnis offenbart und gestaltet wird. Eine simple und geniale Idee: Endlich einmal etwas aussprechen, was man mündlich niemandem offenlegen würde; schriftlich auch nicht, weil man dann einen Adressaten bräuchte, und der könnte vermutlich irgendwie Rückschlüsse auf den Absender ziehen. Postsecret.com hingegen macht das Geheimnis öffentlich, und der kathartische Effekt, endlich etwas losgeworden zu sein, was einem schon lange auf der Seele liegt, kann in der Anonymität voll genossen werden.

Nur analog bleibt das Geheimnis anonym.

Erst neulich wurde das digitale Gegenstück ins Leben gerufen: Bei Secret.ly kann man Geheimnisse posten. Dass ein solcher Service eingerichtet wurde, ist ein gutes Indiz für jene Verschiebung der Grenze zwischen Öffentlich und Privat, die sich derzeit vollzieht. Die Anbieter sind ganz offensichtlich der Ansicht, dass es wirklich noch Nutzer gibt, die glauben, man sei im Netz anonym. Warum genau sollte ich in einer gated community Geheimnisse offenbaren und mich so in der einen oder der anderen Weise erpressbar machen?

Da lobe ich mir doch die gute, alte, handschriftliche Postkarte des Vertrauens: Jede Sendung ein Original, jede selbst gestaltete Karte ein Unikat.

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Aug 31 2014

Perspektivwechsel

Erzählen funktioniert ja in verschiedenen Medien; insofern können sich Erzähler auch etwas von anderen Medien abschauen. Einer der kreativeren Filmemacher der letzten Jahre, Quentin Tarantino, hat sich beispielsweise in dem subtilsten (und am wenigsten blutrünstigen) seiner Filme ein paar schöne Kniffe einfallen lassen. Es ist nicht nur die minutenlange ungeschnittene Kamerafahrt am Beginn des Films, die "Jackie Brown" für Cineasten wie für Vielflieger gleichermaßen attraktiv macht. Sondern: Eine der Schlüsselszenen des Films, die Geldübergabe in einer Shopping-Mall, wird nicht nur einmal gezeigt, sondern gleich drei Mal. Jedes Mal aus unterschiedlichen Perspektiven, erzähl- und kameratechnisch gesehen.

Beim ersten Mal begleitet die Kamera die Hauptdarstellerin Jackie Brown, wie sie sich in dem Modeladen, in dem die Geldübergabe stattfindet, einen Anzug aussucht. Steht ihr super.

Aus der Perspektive von Jackie

Beim zweiten Mal wird der Streit zwischen Melanie und dem sehr nervösen Louis gezeigt, die zugleich Jackie dabei beobachten, wie sie sich einen Anzug aussucht, der ihr super steht.

Aus der Perspektive von Melanie und Louis

Beim dritten Mal wird die ganze Szene von Max Cherry beobachtet, dem Kautionshändler, der schliesslich das Geld an sich nehmen wird (und der auch findet, dass der Anzug Jackie super steht).

Aus der Perspektive von Max Cherry


Dreimal dieselbe Szene, in unterschiedlichem Kamerawinkel und unterschiedlich nah aufgenommen. Von dem, was da erzählt wird, ist es immer dasselbe, wie die obigen Bilder belegen. Anders ist eigentlich immer nur der Rahmen – einmal ist es die Erlebnisperspektive von Jackie, dann die von Melanie und Louis, dann die von Max Cherry. Der Informationszugewinn für den Zuschauer liegt nur in der Rahmenerzählung, nicht in der Wiederholung. Dennoch bewirkt sie, dass der Zuschauer sehr genau versteht, was da wirklich passiert (und wer da wen hinters Licht führt).

In einem Buch würde das so wahrscheinlich nicht vorkommen – es wird wohl kaum einen Autor geben, der seinen Text per copy + paste dreimal einfügt. Unterschiedliche Winkel oder Nähe/Ferne kennt das Erzählen mit Worten so nicht. Stets wäre die Erzählperspektive an das individuelle Erleben eines der Figuren geknüpft; Jackie Brown empfindet und sieht anders als die anderen Figuren.

Das wäre eine Möglichkeit, wie in digitaler Literatur die viel gescholtenen Hyperlinks verwendet werden könnten; der Leser muss sich entscheiden, ob er lieber mit der einen oder der anderen Figur gehen (oder vielmehr lesen) will. Aber er kann auch alle drei Erzählungen lesen; oder das ganze auch mehrfach lesen ...

... wie man es nur mit Büchern macht, die man wirklich gern mag.

Aug 11 2014

Clues

Vor fast 150 Jahren schwappte die Wissenschaft in die Literatur über und ein neues Genre entstand – der Kriminalroman. Im Krimi geht es logisch zu, und der Kriminalist oder Detektiv arbeitet 'wissenschaftlich', indem er Hinweise sammelt, erforscht und miteinander verknüpft. Nie zuvor mussten sich die Leser derart akribisch mit den in den Text eingebetteten clues beschäftigen, um gemeinsam mit dem Protagonisten nach der Lösung des Rätsels zu forschen. Es ist merkwürdig genug: Das neue Genre setzte sich binnen kurzem durch und damit eine Sorte von Fiktionen, in denen ein semioti­scher Mechanismus (also die Entzifferung von Spuren und Hinweisen) mit einer narrativen Struktur (dem Spannungsaufbau bis zur finalen Auflösung) verschränkt wurde. Tatsächlich gibt es kaum ein anderes Genre, das den Leser derart stark involviert, ihn am Geschehen teilhaben lässt und ihn dazu verführt, im Wechsel entweder den plot zu verfolgen oder die gestellten 'kriminalistischen' Aufgaben zu lösen. Daher bietet der Kriminalroman Anknüpfungspunkte für Interaktivität wie kaum ein zweites literarisches Genre.

The labyrinthic big brain

Leserbindung, Interaktivität – vielleicht zeichnet sich der digitale Kriminalroman der Zukunft ja (als eines der wenigen literarischen Genres) durch seine Nähe zum Spiel aus. Denn wie bei einem Spiel könnten Leser digitaler Krimis (narrative) Fährten verfolgen und (virtuelle) Hinweise sammeln. Diese wiederum liessen sich mit dem plot verbinden; in einer simplen Form könnte das wie eine notwendige Bedingung aussehen ("wenn Du nicht alle nötigen Hinweise gefunden hast, kannst Du nicht weiterlesen"), in einer raffinierteren Form könnte das Geschehen mit dem Handeln des Kriminalisten oder Detektiv verbunden sein: Falsche Hinweise gesammelt, nicht auf die richtige Fährte gekommen. Oder: Richtig kombiniert, Mörder überführt.

Vermutlich wird sich das Genre "digitaler Kriminalroman" so entwickeln wie ein klassisches Labyrinth: Es wird eine ganze Weile brauchen, bis die konzeptionelle Mitte zwischen "Es gibt eigentlich nur einen Weg raus" und "Es muss schon unübersichtlich sein" gefunden ist. Ich glaube aber, das wird kommen. Warten wir's ab.

Aug 5 2014

Helden unserer Zeit

Nachdem die WM 2006 im eigenen Land so entkrampfend auf uns Deutsche gewirkt hat, können wir also nun ganz entspannt die Füße hochlegen. Und unsere Helden feiern. Was gibt es Schöneres, als jenen Torhüter in den eigenen Reihen zu wissen, der die meisten Ballkontakte außerhalb des Strafraums hatte, oder jenen kleinen Wusler, der das ganze Turnier über nichts rechtes zustande brachte, aber dann im entscheidenden Spiel das Siegtor erzielte?

Das Heldenproblem, das wir nach zwei verlorenen Weltkriegen und einem Holocaust hatten, wird sich damit wohl erledigt haben. Was nun? Läßt sich das noch toppen? Als Fußballer vielleicht: Wie Zinedine Zidane durch einen Kopfstoß im Finale (um die Beleidigung der Schwester zu sühnen). Oder, wie Marko Marin, durch die Teilnahme an europäischen Finalspielen in zwei aufeinanderfolgenden Jahren (mit Chelsea und Sevilla): In beiden Finals mit dabei, jedoch nicht an der Entscheidung beteiligt, weil auf der Auswechselbank platziert. Das hat jedesmal Mythospotential: Melancholie und übermenschliche Tragik werden in eins gefaßt.

Vor fast hundert Jahren hatte es Joseph Conrad noch leicht: Sein Held in "The Shadow Line" lenkt ein Schiff in die Windstille der Biskaya und setzt sich durch Geduld, Beharrlichkeit und Weisheit durch – er bringt das Schiff sicher in den Zielhafen, und Conrad eine Parabel über Mannwerdung und Heldentum zu Papier (hier auf Englisch für eBook-Leser).

Helden der Winde: Auf ins 21. Jahrhundert

Aber wir? Welche Helden erschaffen wir im 21. Jahrhundert? Mir fällt da nur die Tat eines Giganten der Globalisierung ein: Francesco Schettino, der es geschafft hat, ein 300 Meter langes Schiff im Wert von 450 Millionen Euro ins Verderben zu steuern. Dabei wollte Schettino doch nur seinem Kollegen Mario Terenzio Palombo den traditionellen "inchino" – die "Verneigung" – darbieten. Mit einer Verbeugung einen solchen Giganten in die Grütze zu reiten, das hat was. Das ist stark, das ist unschlagbar. Laßt uns einen Knicks vor Capitano Schettino machen.

Mehr tragische Größe ist uns nicht möglich; und mehr kann die Literatur nicht leisten, als diese Helden unserer Zeit ins Wort zu setzen. Welcher Joseph Conrad unter uns findet sich, um dieses Heldentum zu feiern?

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Jul 23 2014

... hat gerade wieder ein angelsächsisches Blatt ausgerufen. Mir, als ächtem Charakterkopfe, deucht das ein wenig voreilig. Ein solches wurde ja bereits vor hundert Jahren beschworen, auch im Sommer 1914 glaubte man, dass am deutschen Wesen die Welt genesen solle. Mich bekriecht hier eine Ahndung, dass die Huldigung an die Deutschen, so früh zu Beginn des noch im Morgenthau sich wälzenden Jahrhunderts wie ein ehernes Gesetz vorgetragen, der allgemeinen Entwicklung wenig behülflich sein werde.

Die Literatur hat diese Aufwartung natürlich bereits vorhergesehen. Christian Krachts Imperium und Jonas Lüschers Frühling der Barbaren erbrechen beide das Siegel zeitgenössischer Befindlichkeiten und kontrastiren den deutschen Hochmuth mit der Antiquiertheit des Verbalausdrucks, wie er im Deutschen Reiche gepflegt wurde. Kracht stellt die Negativfigur eines Einsiedler-Propheten in der Südsee dem von den Deutschen erwählten Dictator gegenüber und entbietet also mit Hülfe eines vegetarischen Kokovoren dem vegetarischen Anthropophagen einen verschrobenen Gruß. Lüscher dagegen bemüht einen schweizerischen Erzähler, um das Schicksal einer Gruppe von Bankern bis zum thränenreichen Ende des Finanz-Crashs voranzutreiben. All dies wird dem Leser in einer eigenthümlichen Sprache dargeboten, die anmuthig daherkommen, den Sinn bestricken und den Leser erquicken soll.

Die schmucke Sprache kommt dabei gleichsam als Hülle der Zivilisation daher, die den Deutschen stets silberhell umgibt, und die er doch abstreift, um die nackenden Hauer und das rohe Fleisch der Barbarei zu entblößen (um hier eine stumpf gewordene Metapher wieder aufzugreifen). Das alles wirkt ein wenig so, als wie wenn einem albernen Liede ("So gehn' die Gauchos") sein vorsintfluthlicher Ursprung ("Zehn kleine Negerlein") entwunden würde.

Vielleicht ist das sprachliche Geschwulst der beiden Authoren, ihre stutzerhafte Geberde, ja wirklich heilsam gegenüber dem Pathos des ins sommerliche Schlachtenwetter hinausgebrüllten Weltbeherrscherthums. Sollte dem so sein, könnte man mittels einer Apparatur jegliche deutschsprachige Verbaläußerung in das alterthümelnde Reichsdeutsch verwandeln. Ein digitaler Stylisator würde sich anschicken, jegliches ins Internet entäußerte deutsche Wort in sprachlichen Tand zu kleiden. Ich habe das Geräth eben ausprobiert – was haltet Ihr, geschätzter Leser, davon?

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Jun 11 2014

Wen die Fiktion erwischt

Was haben sich die Forscher geärgert: Da hat jetzt zum ersten Mal eine Software den Turing-Test bestanden. Das ist eigentlich ein relativ simples Frage- und Antwort-Spiel, das von Alan Turing entwickelt wurde, also dem Mathematiker, der auch während des Zweiten Weltkriegs den Code der deutschen Chiffriermaschine "Enigma" entschlüsselt hat. Mit dem Turing-Test wird überprüft, ob Menschen unterscheiden können, ob sie sich mit einem Mensch oder einer Maschine unterhalten. Erstmals in der Geschichte hat jetzt eine Software die Testpersonen in 30 Prozent der Fälle erfolgreich getäuscht und so den Test bestanden.

Diejenigen Forscher, die sich zu diesem Erfolg kritisch äußerten, haben als Einwand hervorgebracht, dass der Test, der lediglich fünf Minuten dauert, viel zu kurz sei, und dass nur Tricks den Erfolg möglich gemacht hätten. Im vorliegenden Fall simulierte die Software einen Jungen, der kein Muttersprachler ist. Daher reagierten die Juroren nachsichtig auf Verständnisprobleme und Wissenslücken der Software.

Es ist eigenartig, dass wir erst im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert so weit sind, dass eine Software eine so basale Unterscheidungsfähigkeit – die zwischen Fakt und Fiktion nämlich – erfolgreich aushebelt. Die Literatur macht das ja schon eine ganze Weile. Platon warf den Dichtern vor, dass sie lügen, weil sie eben erfundenes, fingiertes produzieren (vom lateinischen "fingere" kommt die "Fiktion"). Irgendwann wurde dann für viele Leser die Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion wirklich wichtig; das wird wahrscheinlich irgendwann im 19. Jahrhundert gewesen sein. Versteht man die Unterscheidungsfähigkeit als eine Kulturtechnik, dann kann man sagen, dass wir sie ziemlich gut drauf haben: Wir nehmen in einer Buchhandlung ein Buch in die Hand, und in nichtmal fünf Minuten kommen wir zur Entscheidung, ob es eine fiktive oder faktuale Erzählung ist. Autobiographien gelten als faktuale Erzählungen, obwohl jeder weiss, dass da auch viel fingiertes und verzerrtes drin ist.

Und wie unterscheidet man eigentlich einen autobiographischen Text von der Fiktion einer Autobiographie? Oh weh, da haben sich schon manche die Zähne dran ausgebissen: Binjamin Wilkomirskis "Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939-1948" etwa gilt inzwischen als erfundene Holocaust-Erinnerung, aber das kam erst etwa drei Jahre nach der Veröffentlichung des Buches heraus.

Die durch den bestandenen Turing-Test verärgerten Forscher sollten die Welt einmal aus der Sicht eines literarischen Buches betrachten: Wie täusche ich erfolgreich meine Leser? Wie schaffe ich es, ihn in meine Welt zu ziehen und mit ihm jenen fiktionalen oder autobiographischen Pakt zu schließen, der erst die Grundlage der Überzeugung bildet, dass man es mit einer fiktionalen oder faktualen Erzählung zu tun hat? Hier könnten die Forscher noch viel entdecken ...

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Jun 4 2014

Die Augen der Anderen

Jeder kennt das: Eigentlich hat man seine Augen auf etwas gerichtet, und doch sieht man im Augenwinkel etwas; vor allem dann, wenn es sich bewegt. Und sei diese Bewegung auch nur ein Augenzwinkern...

Vor 150 Jahren hat Émile Zola ein Buch geschrieben, in dem zwei Augen eine zentrale Rolle spielen. Thérèse Raquin erzählt die Geschichte einer Frau, die als Stiefkind von Madame Raquin aufgenommen wird und später deren leiblichen Sohn heiratet, obwohl sie ihn nicht liebt. Nachdem sie einen anderen Mann kennengelernt hat, bringen die beiden den Ehemann um und heiraten selbst nach Ablauf der Trauerzeit. Da beide von Schuldgefühlen geplagt werden, ist die zweite Ehe nicht glücklich. Madame Raquin erleidet einen Schlaganfall, wird vollständig gelähmt und beobachtet fortan die beiden Eheleute, die ihren Sohn umgebracht haben ...

Ein eBook mit Zolas Roman könnte mit einem einzigen feature ausgestattet sein: Ab der Textstelle, an der der Mord erzählt wird, nimmt der Leser in seinen Augenwinkeln ein Paar Augen wahr. Wenn er versucht, direkt in diese zu schauen, sind sie nicht mehr da. Vermutlich gibt es keinen Effekt, der die Einfühlung in die Hauptfigur noch mehr verstärken würden als die unablässig beobachtenden Augen der Madame Raquin.

Die Augen der Madame Raquin

Mai 27 2014

Von der List des Erzählens

Das Internet vergisst nichts. Wir können irgendwo irgendwas lesen, und wir finden es recht bald wieder, dank der Suchmaschinen, die es inzwischen gibt – wahrhaft phantastische Wesen mit übermenschlichen Kräften sind das. Sie funktionieren deshalb so gut, weil sie zum Web 2.0 gehören: Cookies und Cache sorgen dafür, dass unsere Lesespuren aufgezeichnet werden und dass schnell alle Orte im Netz wieder aufgesucht werden können, an denen wir schon einmal waren. Daher ist auch das Geschwafel von der digitalen Demenz so wenig überzeugend. Das ganze alltägliche bla bla bla, zu dem das Gezwitscher wie auch der Shitstorm gehört, kann man ruhig vergessen, ohne deswegen Angst vor Demenz bekommen zu müssen. Das Internet ist unser externalisiertes Gedächtnis, ohne Frage.

Das menschliche Gedächtnis funktioniert einfach anders. Was es in seinen Abgründen verklappt und was nicht, kann keiner von vornherein sagen. Die Literatur bietet dazu wunderbare Beispiele. In Julian Barnes' "The Sense of an Ending" etwa berichtet der Ich-Erzähler von einem Brief, den er in jungen Jahren, mit Anfang Zwanzig schrieb. Viele Seiten später – der Erzähler ist inzwischen Rentner – bekommt er diesen Brief wieder zu sehen, und er ist entsetzt über den Inhalt jenes Briefes, den er einmal selbst geschrieben hat. Eine echte Jugendsünde, über die ihn seine Erinnerung lange betrogen hat. Nicht wenige Leser werden dann an jene Stelle im Buch zurückblättern, um die erste Erwähnung des Briefes noch einmal zu begutachten.

Ein Buch 2.0 könnte seinen Lesern an dieser Stelle eine echte Überraschung bieten: Wer von der zweiten Textstelle, an der der Brief zur Sprache kommt, zur ersten zurückblättert, könnte dort den Brief in seiner ursprünglichen Form zu lesen bekommen: so, wie ihn der Erzähler tatsächlich geschrieben hat. Und wie der Ich-Erzähler auch würde sich der Leser fragen, wie es eigentlich sein kann, dass er von seinem eigenen Gedächtnis so hintergangen worden ist. Er würde so dem Erzähler und seinen Emotionen viel näher kommen können, als dies bei einem gewöhnlichen, physischen Buch der Fall wäre.

Ein solches Buch aber würde unseren Umgang mit und unser Verhältnis zu physischen Büchern fundamental verändern. Wir sind es nicht nur gewohnt, Literatur als unser externalisiertes Gedächtnis zu behandeln, sondern wir sehen die Inhalte auch als 'wie in Stein gemeißelt' an. Ein Buch 2.0 hingegen wird typische Eigenschaften aktueller digitaler Medien aufweisen, also Optionalität, Veränderbarkeit und das Speichern von Nutzungsmustern. Vermutlich würden wir dann erst einmal Angst bekommen, es könnte uns etwas verloren gehen, einfach weg sein. Und vielleicht merken wir uns ja dann die Inhalte, die uns wirklich wichtig sind, einfach besser. Oder wir freunden uns mit dem Vergessen an.

Öhm – wie war das noch mit der digitalen Demenz?

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