Feb 25 2015

This think-tank...

... is under deconstruction

This book is under destruction

Feb 21 2015

Von der Poesie der Maschine

Neulich erhielt ich eine wunderbare mail mit dem Betreff: "Mein Wanderdrang und meine Farbenlust." Der Text der mail lautet: "Sich ein Farbenteppich webt, / Grossmutter spinnet, Urahne gebu:ckt / Zehntausend Lanzen fu:rchterlich, / treffen wir drei wieder zusamm? / Ich will nicht im geringsten gefa:hrden / Die Glut, an der man merke. / Sogar die Dame spricht zuna:chst verdutzt: / und Erscho:pfung, bleiern schwer, / wenn u:bermorgen um halb neun / fort mu:ssen sie ohne den armen Gesellen."

Ohne Zweifel Poesie, wenn auch hermetische. Nicht völlig verständlich, weil zuviel Zufallsmaterial enthalten ist. Das kann man besser machen.

Wir programmieren also eine Poesie-Maschine, bringen ihr korrekte Satzbauten, poetische Metaphernproduktion und eingängige Rhythmisierungen bei, et voilà - wir haben einen Poeten erzeugt, der auf unseren Wunsch hin beliebig viele Texte zu beliebigen Themen ausspuckt. Nach der Poesie-Maschine kommt dann die Prosa-Maschine, dann die Aphorismen- und die Drama-Maschine. Als Textmaschinen-Fabrikanten arbeiten wir an der Abschaffung des Künstler-Individuums, ohnehin eine teure und verzichtbare Einrichtung. Wozu Lettrismus und serielle Musik, wenn unsere Prozessoren das effektiver erledigen können?

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Heraus kommt mit Sicherheit eine Art von Texten, wie man sie vom Google-Translator her kennt. Gebt dort einfach mal den ersten Absatz von Harry Potter im Original ein und lasst das übersetzen. Ich weiss, ich soll nicht immer alles ridikülisieren. Aber diese Maschinen gibt es schon, und es werden mehr. Es ist nicht die Frage, ob, sondern wann sie sich verbreiten werden. Wie wir sie wieder loswerden können? Das ist einfach: Wir geben jeder der Maschinen die Aufgabe, sich selbst zu fiktionalisieren und ihre eigene Zukunft zu beschreiben. Das führt zur Implosion ...  

Feb 14 2015

Writing with water

Eigentlich kann man ja, mit etwas Aufwand, mit allem Schreiben: Mit fahrenden Autos, deren Lichter mit Ultra-Langzeitbeleuchtung aufnimmt; mit Menschen, die obskure Wege gehen und im Zeitraffer aufgenommen werden; mit vielen Hunden, die gemächlich interessante Spuren in den Schnee pissen. Oder mit Wasser.

 

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Dez 29 2014

Der obsessive Sammler

In seinem kurzen Text "Das Vermächtnis des Maximilian Tod" beschreibt Bruce Chatwin – neben anderem – Mr. Tods Bibliothek als eine Sammlung von Texten, die eine besondere Bedeutung für ihren Besitzer haben. Dazu gehören, in dieser Reihenfolge, Johannes Cassianus' Abhandlung über die Trägheit, das frühe irische Gedicht The Hermit's Hut, Hsien Yin Lungs poetischer Essay über das Leben in den Bergen (der uns Uneingeweihten nur auf Englisch, als Essay on Living in the Mountains verfügbar ist), ein Faksimile von De Arte Venandi Cum Avibus von Kaiser Friedrich II., Abu'l Fazls Bericht über Akbars Taubenfliegen (auch dieser nur in englischer Übersetzung), John Tyndalls Anmerkungen zur Farbe von Wasser und Eis, Hugo von Hofmannsthals später Text Die Ironie der Dinge, Landors Landhaus von Edgar Allan Poe, Wolfgang Hammerlis Kains Wanderschaft, Baudelaires Prosagedicht mit dem englischen Titel Any where out in this World!, sowie Louis Agassiz' Etude sur les glaciers in der Ausgabe von 1840.

Die tatsächlich ziemlich skurrile Zusammenstellung verrät uns zum einen, dass derart exklusive Sammlungen im digitalen Zeitalter für jeden verfügbar sind. Und auch, dass es einen Text gibt, der mehr über Chatwin verrät als über den fiktiven Maximilian Tod. Denn: Wolfgang Hammerlis Kains Wanderschaft, der einzig nicht im Internet nachweisbare Text (und Autor), ist sicher eine Erfindung von Bruce Chatwin, oder eher die Idee von Kain, dem Begründer der ersten Stadt, die Chatwin in die obskure Liste hineingeschmuggelt hat.

Ein Ausschnitt aus der 'balneologischen Abteilung' des Voynich-ManuskriptsIch selbst würde diese Bibliothek ja noch durch das Voynich-Manuskript, Robert Musils kurzen Essay Über die Dummheit, sowie Mao Tse Tungs Schrift Über den langwierigen Krieg ergänzen, aber das nur nebenbei. Was sagt uns das alles? Dass Exklusivität und Exzentrizität durch das Internet relativiert wird, dass Erlesenheit durch Ubiquität übertrumpft wird? Dass das Weltwissen derart breit zugänglich gemacht wird, dass ein arkanes Wissen kaum mehr möglich scheint? Dass wir selbst einem raffinierten Erzähler auf die Schliche kommen, der nurmehr durch eine eklektische Zusammenstellung von Texten brillieren kann?

Oh nein. Wer sammelt, glaubt an die Authentizität des Originaldrucks; und daran, dass diese Originale über einen Mehrwert verfügen und daher nur ihm etwas mitteilen, was dem durchschnittlichen Internetleser unzugänglich bleibt. Der Sammler folgt der Logik des Besitzes. Ganz grundsätzlich suspekt muss ihm der Verzicht auf alle Habe erscheinen, oder die Idee der Allmende, wie sie das Internet bietet.

Wie lässt sich diese Idee profilieren? Vielleicht so: Nur die individuelle Lesespur durch eine Vielzahl von Texten (wie denen der oben zusammengestellt Bibliothek) führt zu einem einzigartigen Zusammenstoß von Gedanken im Kopf des Lesers. Aus dem Aufeinandertreffen der Ideen und Beobachtungen entstehen dann wieder neue Einsichten, Theorien und Visionen. Aus solchen Bibliotheken einen Gewinn zu ziehen, das bleibt dem einzelnen Leser vorbehalten; er muss die Texte dafür nicht benutzen. Aber er muss sie lesen. Dies alles könnte man den Borges-Effekt der Weltliteratur nennen. Hier aber steht lesen gegen besitzen, verzehren gegen sammeln. Erst die Zukunft wird zeigen, welches Modell sich durchsetzen wird.

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Dez 19 2014

Vom ferngesteuerten Lesen

Bücher als Medium haben eine ganz besondere Eigenschaft: Sie drängen sich dem Leser nicht auf, und sie bestimmen ihn nicht. Das macht einen entscheidenden Unterschied, besonders im Hinblick auf die Aktivität der Imagination. Filme rattern einfach durch, egal, was der Zuschauer davon aufgenommen oder verstanden hat. Sie gehören wie das Fernsehen zu den zeitgebundenen Medien. Beim Lesen dagegen bestimmt die LeserIn das Tempo: Augen auf, ein bisschen Text lesen, wegträumen, assoziieren, in einen Dialog mit dem Text treten, alternative Erzählstränge entwerfen, kurz verweilen, um ein paar sprachliche Schönheiten zu genießen, am Köder eines Lachens knabbern, und so weiter. Das ist ja das Schöne am Lesen: Man braucht dafür Muße, und es inspiriert.

Der Vergleich mit Hörbüchern ist hier aufschlußreich: Tatsächlich kann auch hier der Leser das Tempo nicht bestimmen. Aber es macht die Kunstfertigkeit des Sprechers (meistens sind es Schauspieler) aus, dass er ein untrügliches Gespür für Tempo hat und stark mit ihm variiert. Der an sich gleichförmige Text wird so verbreitert oder beschleunigt, ausgebreitet oder im Stakkato vorgetragen. Dem Hörer bleibt genug Freiheit (und Zeit), um sich "seinen Teil zu denken" und drumherum jene Überlegungen anzustellen, die auch bei einer Lektüre durch sein Hirn schießen würden. Bemerkenswert ist auch, dass viele Hörbücher unheimlich lang sind: 24 gehörte Stunden auf CD? Kein Problem. Leser haben Zeit.

Zeit aber ist ein knappes Gut, und darum gibt es Menschen, die das Lesen optimieren wollen, sprich: Es beschleunigen. Tollerweise kann man das lernen und so bis zu dreimal schneller lesen. Das ganze gibts als Lese-App, sie trägt den Namen Spritz und zeigt die Worte rasch nacheinander einzeln auf einem kleinen Display an, so dass man die Augen nicht über eine Textseite wandern lassen muss.

Ja super. Wer die App ausprobiert, merkt schnell: Meine Augen kommen mit hohen Geschwindigkeiten mit, verstehen geht auch noch gerade so, aber merken kann ich mir davon eigentlich nix. Die App macht ungefähr ein so kuscheliges Gefühl im Text wie ein Stroboskop in der Disco bei 130 Dezibel. Tatsächlich wird man durch eine solche Technik systematisch davon abgehalten, in den "Ich-stell-mir-jetzt-was-vor"-Modus zu verfallen, das innere Auge aufzuschlagen und in die erzählte Welt einzusteigen. Klare Sache: Hier wird der Leser literarischer Bücher vergewaltigt und durch die typische Filmtechnik – unerbittliches Vor-dem-Auge-ablaufen – gemartert. Das ist mit Sicherheit über kurz oder lang der Tod der Literatur.

Oder andersherum: Gerade weil unser besessenes Zeitalter mit solchen digitalen Erfindungen aufwartet, werden wir uns dessen viel bewusster, was das Lesen eigentlich ausmacht: Versenkung. Imagination. Zeit. Selbstbestimmung.

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Dez 13 2014

Im August diesen Jahres ist ja das Video unten rausgekommen; eigentlich eine Animation auf der Grundlage von 150.000 Personendaten aus der Datenbank Freebase. Geburtsorte sind blau dargestellt, Sterbeorte rot. Die Migrationsbewegungen der Personen, d.h. die Wanderung von Geburts- zu Sterbeort, bilden die Bögen zwischen beiden Punkten.

Was könnte das mit Büchern zu tun haben? Welchen Aufschluss könnte man bei ihnen erhalten? Nun, in alter Zeit wurden Bücher noch von Hand geschrieben. Es waren alles Unikate, wie die Individuen im Video. Bücher wurden geboren, und ihre Provenienz (die Folge der Besitzer des Werks) kann nachgezeichnet werden. Bei Kunstwerken, die auf Auktionen versteigert werden, ist das selbstverständlich, weil der lückenlose Besitznachweis auch das Einschleusen von Fälschungen minimiert.

Ein Video, das den Ort der Niederschrift von handgeschriebenen Büchern und ihren weiteren Weg bis in die Gegenwart nachzeichnet, würde vermutlich erst eine massive Konzentration dieser Werke in Europa bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts dokumentieren, dann eine Abwanderungsbewegung nach dem 2. Weltkrieg in die USA, und vermutlich eine Konzentration dieser Werke im 21. Jahrhundert am Persischen Golf, in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Vermutlich.

Interessant wäre es aber auch, die – weit weniger wertvollen – gedruckten oder sogar nur die digital vorliegenden Bücher in ihren Wanderungsbewegungen zu verfolgen. Bei physischen Büchern könnte man kleine Chips einkleben (wenn das nicht so teuer wäre). Digitale Bücher könnte man mit einem Skript ausstatten, so dass sie ab und zu nach Hause telefonieren und angeben, wo sie sich gerade befinden; Hauptsache, das Gerät, in dem sie sich befinden, ist gerade online.

So ließen sich Fragen beantworten wie: Wo gehen die Bücher von ihren Produktionsorten (den Verlagen und Druckereien) hin, in welchen Vierteln von Städten lassen sie sich nieder, wie verteilen sie sich über die Fläche eines einzelnen Nationalstaats, und wie vermischen sich die unterschiedlichen Sprachen, in denen sie abgefasst sind? Was sagt uns das über die ökonomische Situation ihrer Besitzer, über den lokalen Lesegeschmack, über die Konzentration einzelner Genres in einer Region? Und: Weiss Amazon das schon alles?

Dez 6 2014

Wer heute ein Buch oder einen Film aus den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts konsumiert, das den Genres Action, Fantasy oder Science-Fiction zuzurechnen ist, wird sich bestimmt über das geringe Tempo, die Unterkomplexität der story und die leicht grobschlächtige Zeichnung der Charaktere wundern. Bücher (und Filme) altern eben, und gerade diese Genres haben – anders als etwa der Krimi – in den letzten vierzig Jahren eine enorme Entwicklung genommen.

Liegen alle diese Texte elektronisch vor, müsste es eigentlich möglich sein, mittels auswertender Maschinen ihre Evolution nachzuzeichnen. Tempo, nun ja, das wird wahrscheinlich schwer werden, aber lexikalischen Reichtum oder stilistische Merkmale kann problemlos analysieren. Nebenhandlungen und die psychologische Entwicklung der Charaktere müsste man vermutlich noch händisch markieren, aber kartieren ließe sich das bestimmt.

Altersbestimmung bei BaumscheibenIn den Geowissenschaften wurde so eine Methode bereits entwickelt, um zu bestimmen, wann ein Baum aus seinem Samen gesprossen ist und wie alt er wurde. Durch den Abstand der Jahrringe und das je unterschiedliche Wachstum innerhalb ihrer Lebenszeit können die Bäume bestimmten Regionen (wegen des Klimaeinflusses) und einem bestimmten, bekannten Zeitraum zugeordnet werden. Das Verfahren nennt sich Dendrochronologie und ermöglicht es etwa, festzustellen, wann ein Fachwerkhaus genau gebaut wurde.

Tolle Sache! Das sollte man für digitale Literatur entwickeln. So ließe sich das Alter der Texte bestimmen, auf gigantischen lexikalischen und stilistischen Karten eintragen, ... und irgendwie haben die Bücher ja auch etwas mit dem Material der Bäume, dem Zellstoff, zu tun.

Begriffe: 

Es gehört zu den Eigenheiten von Büchern, dass sie als Ganzes gekauft, aber nicht unbedingt auch ganz gelesen werden. Bestimmte Textgattungen werden sogar zuverlässig gar nicht gelesen: Politikerbiographien, Gesamtausgaben und jene Bücher von Prominenten, über die jeder spricht (da alle drüber sprechen, liest es keiner). In der Welt des Papierbuchs ist das keine Schande, denn das Buch wird einfach ins Regal gestellt, und der Besitzer der Bibliothek gilt dann in den Augen seiner Besucher als belesen.

Wäre ich ein solches Buch, dann würde ich mich scheisse fühlen. Als Buch hätte ich den Anspruch, nicht nur mit einem geilen Cover zu glänzen, nicht nur als GNTM-Retortenprodukt wahrgenommen zu werden – mir käme es auf meine inneren Werte an. So herum betrachtet, wäre ich nicht mal gerne als Sachbuch auf die Welt gekommen. Sachbücher haben nämlich ein Problem: Sie basieren meist auf drei guten Ideen, der Rest kommt dann beim Schreiben. Aber weil Verlage verlangen, dass Bücher eine bestimmte Mindestlänge haben müssen, wird noch viel Füllmaterial in das Sachbuch hineingestopft; meistens Kompilationen oder Zusammenfassungen anderer Bücher. Ganz klar: Ich als Buch wäre gerne als literarisches Werk geboren worden.

Ich als Buch würde natürlich immer fordern: Lest mich! Vermutlich würden die Leser nicht auf mich hören, aber ich würde mir schon merken, welche Passagen immer wieder gelesen werden. Ich würde diese Daten sammeln, mich an den entsprechenden Stellen grafisch aufhübschen, so wie eine Kuh, die sich ihrem Esser anbietet und sagt: Schau her, das ist mein bestes Stück, hier ein Kotelett aus meiner Taille, das kann ich Dir empfehlen. Greif zu.

Und ich als Buch würde meinen Lesern sagen: Empfehle mich weiter. Wenn Du mich nicht als Ganzes empfiehlst, dann doch wenigstens das Stück aus der Taille. Techniker nennen so etwas Polling-Funktion, Soziologen sprechen von sozialem Lesen. Und ja, ich als Buch würde auch Kommentare erlauben. Hauptsache, es maßt sich keiner an, in meinem Text rumzupfuschen, das würde ich irgendwie als Angriff auf meine Identität verstehen. Aber Kommentare und Ergänzungen: Einverstanden. Vielleicht werden meine Leser sagen, dass sie nur mich haben wollen und nicht das Gesülze von Hans Wurst und Hans Käse. Das verstehe ich, und ich finde es ja auch toll, dass sie mich so haben wollen, wie ich bin. Weil ich aber auch Kommentare in Ordnung finde, würde ich ihnen entgegenkommen und sagen: Schalt halt einen Filter dazwischen. Lies nur die Kommentare Deiner Freunde, Deiner Literaturpriester, nur die Kommentare, die auch andere Leser toll fanden.

Das alles hätte den Vorteil, dass ich als Buch mich aus der Papierwelt verabschieden könnte. Mir kommt es nämlich auf meine inneren Werte an, und die stünden dann im Vordergrund. Dass mein Cover geil ist, nun: Das habe ich eigentlich schon immer gewusst.

Nov 2 2014

Literatur im Vortex

Edgar Allan Poe's Erzählung "Hinab in den Maelström" ist eine klassische Parabel auf die Fähigkeit des Menschen, Situationen zu erfassen, zu analysieren und mit Hilfe der Ratio auch zu meistern – selbst (oder gerade) wenn es um Leben und Tod geht. In der Erzählung berichtet ein weisshaariger Mann, wie er mit seinem Boot in einen gigantischen Strudel gerät und von diesem allmählich nach unten gezogen wird.

Illustration zu "Hinab in den Maeström" von Harry Clarke, 1919Als eBook könnte die kurze Geschichte den Leser, der sich die tödliche Gewalt des Wasserwirbels imaginieren muss, mit einer technischen Raffinesse bei der Einfühlung unterstützen: In den modernen Tablets sind – neben anderen Sensoren – auch Gyroskope eingebaut, Kreiselmesser, die feststellen, wie das Tablet gerade gehalten wird. Man kann eBook und Sensor verknüpfen, so dass der Leser beispielsweise nicht mehr durch Wischen blättert, sondern indem er das Tablet kurz 'nicken' lässt. Für eine digitale Maelström-Edition könnte man die Seiten ganz abschaffen, so dass der Text quasi durch Scrollen gelesen werden kann – man muss das Tablet kurz von sich weg neigen, um weiterlesen zu können. An der Stelle, in der der Mann sich mit seinem Boot in den Strudel hinabneigt, muss das Tablet die Kippbewegung des Bootes imitieren (sonst kann nicht weitergelesen werden). Und um dann weiterzuscrollen, muss das Tablet schräg gehalten werden – es muss auf der Seite liegen wie das Boot im Strudel. Später muss man vielleicht das Buch schaukeln lassen, um die heftigen Stöße nachzuempfinden, die das Boot abbekommt...

Ein eBook also, das vom Leser Bewegung fordert. Und eine Parabel auf die Literatur im digitalen Zeitalter. Auch wenn es nicht um Leben und Tod des Buches geht.

Okt 25 2014

Esst mehr Bücher!

Na so etwas. Da bietet der bekannte Taschenhersteller Freitag – ja, die mit den Dingern aus LKW-Plane – ein neues Produkt an. Hosen und andere Klamotten aus Bast. Das besondere an diesen Textilien ist, dass man sie sämtlich rückstandsfrei kompostieren kann. Produktion, Nutzung und Rückführung in den Kreislauf werden so konsequent zu Ende gebracht. Chapeau.

Bücher könnte man natürlich auch leicht recycelbar herstellen. Ökologisch konsequent wäre das ja, die meisten Bücher werden halt eben doch nur einmal gelesen. Stattdessen hängt das Zeug in den Regalen rum. Zum Wegwerfen sind sie den meisten Menschen auch zu schade. Eigentlich hätten treue Leser (oder vielleicht auch die Buchhändler) schon längst kompostierbare Bücher entwickeln sollen.

Ich dagegen mache einen anderen Vorschlag: So wie die Freitag-Brüder ihr Textil F-ABRIC entwickelt haben, sollte man ein essbares Material entwickeln und die Bücher darauf drucken, etwa auf Spitzkohlblätter. Buch durchlesen und danach aufessen. Kein hassle mehr mit überquellenden Bücherregalen!

Bücher, die man sich einverleiben kann, das ist ein geradezu biblischer Vorschlag. Bei Ezechiel 3,1 heisst es schon: "Menschensohn, iss, was du vor dir hast. Iss diese Rolle!" Und in der Offenbarung des Johannes 10, 8-11: "Und ich ging zu dem Engel und bat ihn, mir das kleine Buch zu geben. Er sagte zu mir: Nimm und iss es! In deinem Magen wird es bitter sein, in deinem Mund aber süß wie Honig. Da nahm ich das kleine Buch aus der Hand des Engels und aß es."

Na dann: Guten Appetit!

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